#12/ 2019
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„wenn ich an meine altersvorsorge denke, wird mir angst und bange“

dpr-Medienmonitor Gehalt 2019

Wir müssen uns die Verlagsmitarbeiterin oder den Verlagsmitarbeiter als einen glücklichen Menschen vorstellen, die Zufriedenheit im Job ist weitaus größer als im Branchenvergleich – so lautete im April 2018 ein Fazit des in der Branche intensiv diskutierten „dpr-Medienmonitors Gehalt“. Ein Jahr später zeichnet sich bei der Wiederauflage der Erhebung ein ähnlich positives Teilergebnis ab: Jeder zweite befragte Mitarbeiter der Verlagsbranche ist zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit dem eigenen Job. 

„Noch“ müsste an dieser Stelle die Ergänzung lauten, denn: Es scheint allmählich zu rumoren bei den Verlagsmitarbeitern. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Quote der Zufriedenen gesunken, auch wenn dieses Minus statistisch noch nicht so deutlich ins Gewicht fällt. Besonders in den Vertriebsabteilungen sowie in Fachverlagen scheinen die Daumen der Mitarbeiter immer häufiger nach unten zu zeigen.

Deutlich wird das Rumoren an den Kommentaren der Befragten, die zunehmend eine Schieflage diagnostizieren: Zwar stellt der Job sie größtenteils zufrieden. Doch die Vergütung stimmt bei den meisten einfach nicht. Mehr als jeder zweite Befragte (56 %) verdient unter 40.000 Euro im Jahr brutto – und das, obwohl über 80 % über einen Hochschulabschluss verfügen; obwohl fast drei Viertel aller Befragten mehr als vertraglich vereinbart arbeiten (was bei fast einem Drittel ohne Ausgleich in Form von Geld oder Freizeit erfolgt). Besonders eklatant ist diese Schere bei Frauen – ähnlich wie im Schnitt der gesamten deutschen Wirtschaft.

Das Geld wird also zunehmend zum Problem in der Branche. In einigen Führungsetagen ist die Schieflage offenbar erkannt worden, denn im Vergleich zum Vorjahr ist der Anteil der Arbeitnehmer mit Gehaltsplus leicht gestiegen (um 7 Prozentpunkte). Das wird nicht genügen, weshalb das noch leise Rumoren in der Belegschaft künftig lauter werden dürfte. Eine gefährliche Entwicklung in einer margenarmen Branche mit erheblichem Transformationsbedarf, in der eine Abwanderung von Fachkräften nicht ohne Spuren bleiben dürfte.

Allgemeine Ergebnisse

Erhebung: Die Befragung zum dpr-Medienmonitor Gehalt wurde vom 12. April bis zum 16. Mai 2019 durchgeführt. Teilgenommen haben 337 Personen, die per Onlinefragebogen insgesamt 21 Fragen beantwortet haben.

Geschlecht und Alter: 80 % der Antworten kommen von Frauen, 20 % von Männern. Das deckt sich zwar mit dem grundsätzlichen Befund, dass zumindest die Buchbranche mehrheitlich weiblich geprägt ist, dennoch haben Frauen in der Erhebung ein statistisches Übergewicht.

Alter: Die Teilnehmer gehören eher zu jüngeren Generation: 77 % der Befragten sind unter 40 Jahre alt.

Berufserfahrung: Fast ein Drittel (31 %) hat mehr als zehn Jahre Berufserfahrung; das Gros der Teilnehmer (49%) ist weniger als fünf Jahre im Job.

Karriereebene: Mit 66 % haben zwei Drittel der Teilnehmer keine Führungsverantwortung. 25 % arbeiten als Team- oder Abteilungsleiter, 2 % in der Geschäftsführung.

Gehalt: Mehr als jeder zweite Befragte (56 %) verdient unter 40.000 Euro im Jahr brutto. Der Anteil in dieser Gehaltsklasse liegt bei Publikumsverlagen (66 %) deutlich höher als bei Fachbuchverlagen (41 %), bei denen die Mitarbeiter tendenziell mehr verdienen.

Ausbildung: 82 % der an der Umfrage beteiligten Medienschaffenden verfügen über einen Hochschulabschluss. Die Ausbildungswege sind insgesamt sehr weit verzweigt, es dominieren allerdings Sprachen (z.B. Germanistik, Anglistik, Romanistik, zu 30 %) und Buchwissenschaften (12 %).

Unternehmenstyp: 29 % der Teilnehmer arbeiten in einem Fachverlag, 42 % in einem Publikumsbuchverlag. Die restlichen Anteile verteilen sich hauptsächlich auf andere Verlagstypen und Dienstleister.

Unternehmensgröße: Die Verteilung liegt einigermaßen gleichmäßig bei kleineren und größeren Unternehmen; 57 % der Unternehmen, in denen die Teilnehmer der Befragung arbeiten, haben mehr als 50 Mitarbeiter, 20 % über 201 Mitarbeiter. 40 % der Teilnehmer arbeiten in einem Unternehmen mit mehr als 5 Millionen Euro Jahresumsatz; bei 30 % liegen die Erlöse der Firma über 10 Millionen Euro (da hier mehr als ein Drittel „Weiß ich nicht“ angegeben haben, dürfte die tatsächliche Verteilung allerdings etwas abweichen).

Abteilungen: Die Teilnehmer arbeiten schwerpunktmäßig in den Bereichen Lektorat/Redaktion (30 %) und (Online-)Marketing/Social Media/Werbung (22 %), die restlichen großen Abteilungen von Verlagen (Vertrieb, Herstellung/Produktion) liegen ähnlich stark bei 14 % bzw. 10 %. 

Einkommen nach Abteilungen 

Die Analyse der Einkommen von Mitarbeitern nach Abteilungen zeigt, dass in den Bereichen (Online-)Marketing/Social Media/Werbung, Lektorat/Redaktion sowie Vertrieb jeweils fast zwei Drittel der Befragten bei einem Jahresbruttofixgehalt unter 40.000 Euro liegen; nimmt man die Führungskräfte heraus, liegen die Anteile in den genannten Abteilungen zwischen 70 % und 75 %. Bei Mitarbeitern aus der Herstellung/Produktion und der IT ist der Anteil der vergleichsweisen Niedrigverdiener weitaus geringer.

Schaut man sich die Führungskräfte nach Abteilungen an, liegen Herstellung und IT ebenfalls an der Spitze. Verdienen hier je über die Hälfte der Entscheider mehr als 60.000 Euro pro Jahr, liegt der 60k-plus-Anteil bei den Entscheidern aus Marketing, Vertrieb und Redaktion/Lektorat nur zwischen 30 % und 36 %.

Karrierestufe und Einkommen nach Geschlechtern

Wie in anderen Branchen herrschen auch in der Medienbranche deutliche Einkommens- und Karrierestufen-Unterschiede zwischen Männern und Frauen, die sich bei den Frauen auf die Formel bringen lässt: „weniger Geld, weniger Einfluss“ – bei den befragten Frauen haben 72 % keine Führungsverantwortung, bei den Männern liegt der Anteil bei 46 %. 

Bei den Mitarbeiterinnen ohne Führungsaufgaben liegen drei Viertel der Befragten in der untersten Gehaltsklasse (unter 40.000 Euro), bei den Männern sind das nur rund ein Drittel (34 %).

Noch deutlich ist der Kontrast bei den Teilnehmern mit Führungsverantwortung (Team- oder Abteilungsleitung): 27 % der Frauen, aber nur 9 % der Männer liegen hier unter 40.000 Euro.

Der Faktor Teilzeitarbeit in Kombination mit dem Geschlecht spielt hier keine größere Rolle, da nur 7 % aller Befragten unter 35 Wochenstunden arbeiten.

Gehaltsstruktur, -entwicklung und Fortbildungen

Gehaltsstruktur: Das Gros der Teilnehmer, nämlich 89 %, bekommt neben dem eigentlichen Einkommen zusätzliche feste Gehaltsbestandteile (z. B Weihnachtsgeld, Dienstwagen, 13./14. Monatsgehalt, BahnCard usw.). Besonders gängig sind dabei Weihnachtsgeld (21 %), Vermögenswirksame Leistungen (19 %) und Urlaubsgeld (17 %). 36 % der Befragten erhalten variable Gehaltsbestandteile (z. B. Boni).

Gehaltsentwicklung: Bei 38 % gab es in den vergangenen zwölf Monaten keine Gehaltsveränderung; bei 45 % legte das Gehalt zu, sei es durch eine tarifliche Entgeltanpassung (20 %) oder außerordentliche Gehaltserhöhung (25%); bei weiteren 11 % gab es zusätzliche variable oder feste Gehaltsbestandteile. Im Vergleich zum Vorjahr ist somit der Anteil der Arbeitnehmer mit Gehaltsplus leicht gestiegen (um 7 Prozentpunkte). 

Fortbildungen: 75 % können sich gelegentlich oder oft auf Kosten des Arbeitgebers fortbilden. 25 % geben an, dass sie nie oder nicht mehr an Fortbildungen teilnehmen können.

Arbeitszeit, Überstunden und Überstundenausgleich 

Arbeitszeit: Der Großteil der Teilnehmer arbeitet laut Vertrag Vollzeit oder hat annähernd eine volle Stelle. Nur 7 % – ausschließlich Frauen – arbeiten vertragsgemäß weniger als 35 Stunden pro Woche.

Überstunden: Überstunden sind in der Medienbranche offenbar Usus. Fast drei Viertel (72 %) aller Befragten arbeiten mehr als vertraglich vereinbart, wobei die meisten (56 %) „nur“ bis zu 5 Stunden pro Woche mehr arbeiten. Bei immerhin 16 % liegt das Plus jedoch über 6 Stunden pro Woche.


Das aus Sicht der Arbeitnehmer Bittere daran: Bei 29 % gibt es keinen Ausgleich für die Mehrarbeit in Form von Vergütung oder Freizeit/Urlaub. Die Mehrheit von 58 % darf die Überstunden dagegen mit mehr Freizeit ausgleichen, 11 % haben die Wahl, ob sie für ihre Überstunden Freizeitausgleich oder Geld bekommen.


Wie zufrieden stimmt der Job? 

Mit 53 % der Befragten zeigt sich das Gros der Teilnehmer zufrieden (41 %) oder sogar sehr zufrieden (12 %) mit dem eigenen Job – was unter dem für 2018 erhobenen Wert (59 % zufrieden und sehr zufrieden) liegt, aber weiterhin hoch erscheint. Zum Vergleich: Nach der Studie „State of the Global Workplace“ der Beratungsgesellschaft Gallup aus dem Jahr 2017 sind hierzulande nur 15 % der Arbeitnehmer emotional hoch an ihren Arbeitgeber gebunden und bei der Arbeit entsprechend motiviert – was im Umkehrschluss bedeutet, dass mehr als drei Viertel der deutschen Beschäftigten im Job nicht ihr Bestes geben. Ebenfalls 15 % der Deutschen haben sogar innerlich bereits gekündigt. 

Auch wenn die Fragestellung der Erhebungen nicht identisch sind, zeichnet sich dennoch auch in diesem Jahr ab, dass die Stimmung in der Verlags- und Medienbranche besser als im Branchenschnitt ausfällt.

Weitere Ergebnisse bei diesem Themenaspekt:

• Unzufrieden oder sehr unzufrieden sind nur 13 % der Befragten.

• Verlagstypen: Bei Fachverlagen liegt der Anteil der Unzufriedenen mit 18 % leicht über dem Schnitt.

- Abteilungen: Die Daumen-Runter-Fraktion ist im Vertrieb mit 21 % besonders stark ausgeprägt – bei Lektorat/Redaktion (obwohl dort die Bezahlung niedrig ausfällt) liegt der Anteil nur bei 12 % und in der Herstellung bei 11 %. 

Auf die Frage nach den Gründen wurden von den Teilnehmern zwar viele verschiedene Gründe genannt, darunter zu hohe Arbeitsbelastungen, fehlende Entwicklungs-/Aufstiegsmöglichkeiten, fehlende Wertschätzung, hierarchische Führungs- und sonstige überkommene Unternehmensstrukturen. Und doch zeigt sich hier ein klarer Schwerpunkt: viele Aufgaben für zu wenig Geld. Ein Teilnehmer fasst dies wie folgt zusammen: „Ich mache diese Arbeit so gerne, es ist mein Traumjob, ich arbeite gern und viel. Aber: Wenn ich an meine Altersvorsorge denke, wird mir angst und bange. Obwohl ich das wusste und es immer noch in Kauf nehme, ist das Verhältnis zwischen Engagement, eingebrachten Erfahrungen, Bildungsabschluss, Ausbildungen auf der einen Seite und Entlohnung auf der anderen in großer Schieflage. Das geht nicht spurlos vorüber.“

Als positive Faktoren werden beispielsweise hervorgehoben: abwechslungsreiche Arbeit, flexibler Chef, nette Kollegen, interessantes Arbeitsfeld und tolle Produkte.

Kommentar von Sabine Dörrich