#12/ 2019
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das wörterbuch to go

wie die digitalisierung den wörterbuchmarkt aufwirbelt

Lexika gehören zu der Art Buch, die durch die Digitalisierung am stärksten in Bedrängnis geraten sind. Mit dem Aufkommen des Internets und insbesondere des Smartphones ist das Wörterbuch ein herausragendes Beispiel für den nahtlosen Übergang von Print zu Digital und deren paralleler Existenz. Viele Verlage bieten ihren Wörterbuch-Content gleich in mehreren Formaten an: Als gedrucktes Buch, als Online-Wörterbuch, als App oder als E-Bundle. Zeitgleich drängen viele Nicht-Verlage in den Wörterbuchmarkt. 

Diese Formationsprozesse hinterlassen ihre Spuren. In den letzten 15 Jahren hatte der Wörterbuchmarkt einen Verlust von 70 Prozent zu beklagen. Ein harter Einschnitt, dessen Auswirkungen nicht spurlos an den Verlagen vorrübergeht. Neben Langenscheidt gehörten PONS und auch Cornelsen zu den führenden Wörterbuchanbietern im deutschsprachigen Markt. Nun hat der Grüne sich den gelben Konkurrenten einverleibt: Mag die Ende April veröffentlichte Nachricht, dass der PONS Verlag als Teil der Klett-Gruppe sämtliche Geschäftsbereiche von Langenscheidt einkauft (siehe Börsenblatt, 29. April.2019) für manche überraschend gewesen sein, für Beobachter war es der zu erwartende nächste Schritt, der bereits 2012 seinen Anfang nahm. Damals ging der Geschäftsbereich „Erwachsenenbildung und Schule“ von dem bereits strauchelndem Langenscheidt zu Ernst Klett Sprachen, ebenfalls ein Unternehmen der Klett-Gruppe, über. Mit dem nun finalen Aufkauf Langenscheidts verliert die Verlagslandschaft den berühmten, gelben Wörterbuchverlag, der im Sog der Digitalisierung mitgerissen wurde. Ende 2019 wird Langenscheidt seinen Standort in München schließen. Ist dieses (Nahezu-)Ende der gelben Ära (die gelben Wörterbücher werden bei PONS als Marke erhalten bleiben), ein erster Vorbote für den endgültigen Garaus des Wörterbuchs as we know it?  Entwickelt sich das Print-Wörterbuch zum finalen Auslaufmodell?

 

Die letzte Hochburg des gedruckten Wörterbuchs

Im privaten Bereich mag dies mehr und mehr der Fall sein. Allerdings ist das gedruckte Wörterbuch weiterhin eine Bastion an den allgemeinbildenden Schulen. In den ersten Jahren erlernen die Schüler einen sogenannten Grundwortschatz und dessen richtige Schreibung. Die phonologischen und silbischen Prinzipien sollen die Kinder befähigen, fehlerfrei zu schreiben. Das gedruckte Wörterbuch dient hier zum einen als zentrales Instrument beim Erlenen der komplexen Rechtschreibung mithilfe der genannten Strategien, zum anderen festigt sich durch die Nutzung eines Wörterbuchs das Alphabet. In den weiterführenden Schulen werden im Fremdsprachenunterricht ein- und zweisprachige Wörterbücher benutzt. Ziel ist es, durch Wörterbucharbeit, ein Bewusstsein für die Komplexität der Semantiken und Schreibweise zu erlangen. Als unerlässliches Hilfsmittel, ist das Erlenen des richtigen Umgangs mit einem Wörterbuch fester Bestandteil der Lehrpläne der Bundesländer. Welches Wörterbuch die Schüler verwenden dürfen, wird dabei vom Kultusministerium des jeweiligen Landes bestimmt, bei dem die Verlage Ihre Titel zu Genehmigung einreichen müssen. 

Der Beschluss der Kultusministerkonferenz im Oktober 2012 rüttelte an der uneingeschränkten Position des gedruckten Wörterbuchs an den Schulen. In diesem wurde festgelegt, dass zukünftig elektronische Wörterbücher in Prüfungen an den Schulen verwendet werden dürfen. In Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Bremen, Sachsen und Thüringen ist dies bereits bei bestimmten Examina möglich. Auf den Endgeräten von CASIO, Franklin und Co. findet sich meist der Content verschiedener Printprodukte unterschiedlicher Verlage wieder. Ob PONS, Oxford oder Duden: Je nach Endgerät, kann der Nutzer auf die Inhalte unterschiedlicher Wörterbuchmarken zugreifen, ein eindeutiger Pluspunkt gegenüber dem Printprodukt. Handlichkeit, Größe und Gewicht sind zudem nicht zu unterschätzende Aspekte, bei denen das gedruckte Wörterbuch im Vergleich zur elektronischen Version den Kürzeren zieht.

 

„Pri-gital“: Die Verschmelzung von Gedrucktem und Digitalem

Eine Kombination aus Print und Digital stellt das Wörterbuch inklusive App bzw. Online-Wörterbuch dar. Das Print-Wörterbuch wird erworben und mit dem Kauf erhält man zeitgleich einen Nutzer-Schlüssel für eine App bzw. Online-Wörterbuch. Dieses Kombi-Modell bietet u.a. Cornelsen bei seiner Oxford-Wörterbuch-Reihe und Langenscheidt bei seinen Schul- und Abiturwörterbüchern an. Für Schüler ist dieses Angebot vorteilhaft. So kann man beispielsweise das schwere Wörterbuch in der Schule lassen, während man für die Hausaufgaben auf die App oder das Online-Wörterbuch zurückgreift. Die situative Freiheit und Wahlmöglichkeit aus den Vorteilen beider Angebote ist ein starkes Plus dieses Modells.

 

Nie wieder sprachlos mit den neuen Wörterbüchern to go

Für diejenigen, die gedruckte Wörterbücher zum Lernen so zeitgemäß finden wie eine Telefonzelle zum Telefonieren, bieten sich die rein digitalen Nachschlagewerke als Alternative an. Über die Langenscheidt-Homepage besteht für Schulen, Lehrer, Unternehmen und Einzelnutzer die Option, speziell zugeschnittene Erwerbsmodelle reiner Online-Wörterbücher anzuschaffen. Wem auch mal in der Straßenbahn nicht das richtige Wort einfällt, für den gibt es das Wörterbuch to go als App. Im jeweiligen Store sind diverse Nachschlagewerke gegen Zahlung per App erhältlich und es kann, ab 15,99 Euro aufwärts, bequem über das Smartphone „geblättert“ und gelernt werden. 

 

Es wird eng! - Nicht-Verlage erobern den Wörterbuchmarkt

Parallel existieren noch kostenlose Angebote der Verlage, die sich im inhaltlichen Umfang und in der Ausführlichkeit von den kostenpflichtigen unterscheiden und mehr der schnellen Übersetzung dienen, als der tiefgründigen Beschäftigung mit Sprache. So bieten Langenscheidt, als auch PONS, ein Online-Übersetzungs-Tool auf ihrer Homepage an. Von PONS ist zudem eine kostenlose Übersetzungs-App in den jeweiligen Stores erhältlich. Finanziell gestemmt wird dieser Service durch auf der Seite geschalteten Werbeanzeigen. Diese Ausrichtung auf kostenfreie Inhalte ist insbesondere der Konkurrenz geschuldet. Mit Google, Leo und DeepL sind ernstzunehmende Konkurrenten auf den Markt getreten. Kostenlose Übersetzungstools wie das 2006 gegründete Google Translate bieten einen, über jeden Browser zugänglichen, Übersetzungsservice an. Mittlerweile ist in diesem auch eine Spracherkennung integriert, sodass Google sofort abgleicht, zu welcher Sprache das eingegebene Wort gehört. Von Afrikaans bis Zulu – Google Translate ist so polyglott wie kein anderer. DeepL hingegen übersetzt mit seinem Online-Übersetzer „lediglich“ neun Sprachen. Nichtsdestotrotz hat der seit 2017 existierende Kölner Übersetzerdienst die Branche als ernstzunehmende Konkurrenz zu Google Translate aufgewirbelt. Ersteht man ein Abonnement von DeepL als Einzelnutzer, inkludiert dies auch noch die kostenlose Übersetzung von bis zu 100 Dokumenten (für 39, 99 € monatlich, wahlweise auch für 20 Dokumente für einen Preis von 19,99 €/Monat). Weitere Preismodelle gibt es für Teams und Entwickler. Leo bietet seinen Übersetzungsdienst ebenfalls online an und dies ausschließlich kostenfrei. Zusätzlich kann der Nutzer wichtige Grammatik nachschlagen und sich einen eigenen Trainer-Account anlegen, in dem gespeicherte Wörter hinterlegt und geübt werden können. In Kooperation mit dem Hueber-Verlag, vertreibt Leo ebenfalls Selbstlern-Sprachkurse und bietet den Nutzern ein sprachliches Rundum-Programm.

 

Was bleibt vom Print-Wörterbuch?

Gewicht, Handhabung, Mobilität – die Digitalisierung wandelt die Kriterien, nach denen wir ein Buch bewerten. Apps und Online-Wörterbücher bieten eindeutige Vorteile in ihrer Funktionalität. Das Print-Wörterbuch hechelt im Wettlauf hinterher und kann im Tempo kaum mithalten. Ausgeschieden aus dem Rennen ist es aber noch nicht.  Für Übersetzer und Schulen bleibt es durch seine inhaltliche Tiefe und als Mittel zum Kompetenzerwerb weiterhin relevant. Zumindest vorerst. Das elektronische Wörterbuch und Apps, die ein oder gar mehrere Wörterbücher in sich vereinen, sind inhaltlich bereits gleichauf und übertreffen bezüglich Leichtigkeit, Mobilität und Handhabung. Sollte die Verwendung elektronischer Wörterbücher an den Schulen auch in anderen Bundesländern weiter voranschreiten, wird das Print-Wörterbuch mehr und mehr ein Nischenprodukt für Experten werden. Es bleibt abzuwarten, inwiefern sich die reinen Online-Wörterbücher inhaltlich weiterentwickeln und welches Preismodell sich letztendlich durchsetzt. Der Druck, Content kostenfrei anzubieten, um mit Konkurrenten wie Google Translate mithalten zu können, ist groß. Die Anzahl der Nicht-Verlage in diesem einst klassischen Buchsegment hat noch nicht ihren Endpunkt erreicht. Verlage treffen auf Start-ups und den Riesenkonzern Google in einem schrumpfenden Markt. Ein enges Gedränge, in dem es gilt, die Ellenbogen auszufahren, um Platz zu gewinnen für den eigenen Auftritt. In diesem Lichte ist der Aufkauf von Langenscheidt durch PONS eine logische Reaktion und ein Versuch, durch eine breitere Aufstellung konkurrenzfähig zu bleiben. Die Digitalisierung hat Dynamiken in Gang gesetzt, die es nicht aufzuhalten gilt, aber bei denen mitgehalten werden muss.


Kerstin Enderle, 32, hat nach ihrem Studium der Romanistik im Bildungsverlagswesen Fuß gefasst, mit Stationen beim Hueber-Verlag und der Klett-Gruppe. Nebenberuflich arbeitet sie für die Mediengruppe Münchner Merkur tz und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache.