#12/ 2019
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alles was sie über community-management wissen müssen

teil 1

Als Facebook 2014 an die Börse ging, fragten sich viele: Wie wird Facebook Geld verdienen? Schnell stellte sich heraus, dass das soziale Netzwerk Jahre verstreichen ließ, ohne einen Cent verdient zu haben. Sie hatten sich fast ausschließlich auf das Community Building und Community Management konzentriert. Ein bis zwei Jahre vor dem geplanten Börsengang machten sich Facebook­Strategen dann an die Arbeit, um ein Ge­schäftsmodell aufzusetzen. Sie fanden ein Meer an Möglichkeiten. Facebook war damals nicht nur mehrere Hundert Millionen Nutzer stark, sondern die Vielfalt an unterschiedlichen Kulturen und Subgruppen ermöglichte quasi eine neue Welt: eine Art Google auf sozialer Verbindungsbasis. Man konnte eine Suchmaschine erschaffen, ein Werbesystem á la Adwords aufsetzen (Unternehmen können Facebook Ads freischalten lassen) und vieles mehr.

Ähnliches gilt für Uber, Airbnb oder Twitter. All diese Internetunternehmen gäbe es ohne Community Management und Community Building heute nicht. Mehr noch: Es wird im Internet bald kein Geschäft ohne digitale Community mehr geben. Denn digitale Produkte müssen immer stärker um die Aufmerksamkeit der Nutzer im Internet buhlen und dies gelingt nur mit einer entsprechenden Community. Dies mag für das eine oder andere Unternehmen erst mal überspitzt klingen, jedoch wird es beim näheren Hinsehen nachvollziehbar. Wer heute eine mobile Applikation (App) auf den Markt bringt, benötigt nicht nur Online­User, die diese in einer ersten Betaversion testen können, sondern auch einen Vertriebskanal wie z. B. die iTunes­ oder Android-­Community. Hierbei spielt der Kanal als solcher – Händler­Community (Business­ to ­Business, B2B) oder Endverbraucher­Community (Business­ to ­Consumer, B2C) – erst einmal eine untergeordnete Rolle.


                                                

Dieser Text wurde entnommen aus: Julia Tanasic, Cordula Casaretto:  Digital Community Management Communitys erfolgreich aufbauen und das digitale Geschäft meistern. Verlag: Schäffer Poeschel ISBN: 9783791035499


Online­Marketing, Kommunikationsabteilungen, Community­ und Produktabteilungen (auch E­Commerce) werden in Unternehmen immer wichtiger. Die Digitalisierung hat es geschafft, vor allem den Kunden und seine Bedürfnisse in den Vordergrund zu rücken, und dadurch eine immer größere Kundenfokussierung innerhalb der Unternehmen erreicht. Neue junge Unternehmen in der Net Economy können dies besonders gut. Dies erkennt man an der Vielzahl und Vielfalt neuer Communitys, die aus dem Boden sprießen. Beispielsweise bieten Bitcoin-­Communitys (Online­Plattformen, auf denen Produkte und Dienstleistungen in einer digitalen Währung gehandelt werden) neue Umsatzmöglichkeiten für Unternehmen, die Produkte im Finanzbereich anbieten. Aber auch Unternehmen aus der Old Economy, die bislang offline Produkte und Dienstleistungen hergestellt haben, bieten digitale Communitys eine hervorragende Möglichkeit, Zielgruppen an sich zu binden. Die Otto Group hat dies beispielsweise bereits erfolgreich umgesetzt. Mit einem  E-­Commerce-­Portfolio an Start­up­-Unternehmen hat Otto besonders durch seine Communitys viel gelernt und dies direkt in den eigenen E-­Commerce­Shop übertragen können.

Communitys existieren sowohl intern (als Plattform innerhalb von Organisationen) als auch extern (für den Dialog mit Kunden, Partnern etc.). Obwohl es hier Überschneidungen gibt, sind die Anforderungen in der Planung und Ausgestaltung verschieden. 

Interne Communitys werden in internen Geschäftsabläufen eine immer größere Rolle spielen. Denn unsere Arbeitswelt hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt: eine internationalere Ausrichtung, flexible Arbeitsmodelle, eine starke Fokussierung auf Projekte anstatt auf Routineabläufe und – last, but not least – mehr und mehr »Wissensarbeiter«. Dieses Wissen lässt sich nicht in zentralen Datenbanken speichern. Es muss ausgetauscht werden, um produktiv zu werden. Denn niemand im Unternehmen kann alles wissen. Auch die räumliche Verteilung und Mobilität von Mitarbeitern spielen eine große Rolle. Das Management von virtuellen Teams lässt sich über Plattformen und interne Communitys effizient durchführen, beispielsweise auch deswegen, weil weniger E-­Mails bearbeitet wer­ den müssen.1 Der demografische Wandel kommt hier ebenfalls ins Spiel. In den nächsten Jahren und Jahrzehnten scheiden altersbedingt viele Mitarbeiter aus Unternehmen aus. Die Herausforderung: Wie kann das vorhandene Wissen möglichst reibungslos an jüngere Generationen übergeben werden? Hier können interne Communitys einen wertvollen Bei­ trag leisten. Die Bewältigung all dieser Herausforderungen ist ohne einen entsprechenden Austausch über Abteilungs­-Hierarchie­ und Ländergrenzen hinweg nicht durchführbar, denn sie erfordern eine Koordination der Aktionen und ein professionelles Projekt­ und Ressourcenmanagement.

Egal, ob interne oder externe Community: Derzeit fällt Unternehmen und Organisationen das Aufbauen und Moderieren von erfolgreichen Communitys immer noch schwer. Dabei hapert es insbesondere an der strategischen Ausrichtung und/oder inhaltlichen Umsetzung. Denn viele Unternehmen und Institutionen betreiben Communitys nicht ambitioniert genug: unprofessionelle Werbung, wenig Traffic, Fokus auf das Unter­ nehmen/Produkt anstatt auf Themen, wenig Dialogbereitschaft etc. Kurzum: Sie nutzen neue Technologien, kommunizieren aber wie früher, sind wenig dialogorientiert und wenig interaktiv. Zudem ist vielen Unternehmen nicht klar, wie sie den Erfolg einer Community messen können. Welche Parameter können angesetzt werden, um beispielsweise Budgets und Ressourcen zu antizipieren und strategisch zu verteilen? In den meisten Unternehmen ist hierfür ein großer Change-­Prozess notwendig.

Digitale Transformation

Viele digitale Unternehmen (Unternehmen, die ein digitales Produkt bzw. eine digitale Dienstleistung digital vertreiben) wie Facebook, Amazon, Ebay, Airbnb beherrschen den Aufbau und das Management von digitalen Communitys. Und zwar deshalb, weil es ihr Unternehmen ohne eine Community nicht gäbe. Viele Unternehmen aus der New Economy schaffen es also, erfolgreiche Communitys zu führen und sie für sich zu nutzen, weil ihr Geschäftsmodell darauf basiert und ihr kommerzieller Erfolg von einer Community abhängt.

Unternehmen, die aus den klassischen Industrien stammen (Old Economy), sehen sich im Zeitalter der Digitalisierung einem vermehrten Wettbewerb ausgesetzt. Digitale Communitys können Organisationen dabei helfen, von einem reinen Offline­Unternehmen zu einem Online­Unternehmen zu werden. Über sie kann der Dialog mit den erwünschten Zielgruppen aufrechterhalten werden, es ist aber auch möglich, darüber Business­Funktionen (Kundenservice, Vertrieb etc.) abzubilden. Community Building und Community Management ist also für Unternehmen wichtig, die sich in der Transformation in Richtung Digitalisierung befinden. 

 


Eine digitale Community ist eine Gruppe, die sich in der digitalen Welt zusammenfindet, da sie entweder gleiche oder ähnliche Interessen hat oder durch den Austausch und Dialog untereinander einen gemeinsamen Mehrwert erzielt. Dabei erfolgt die Kommunikation ausschließlich virtuell. Dieses Zusammenfinden wird von den digitalen Kommunikationstechnologien unterstützt und kann heute über eine Vielfalt von Kanälen (Web, Smartphones, Wearables etc.) und Plattformen (soziale Medien, Foren, Blogs, Empfehlungsplattformen etc.) stattfinden.  


Beispiele für die Vielfalt von Communitys

Der Erfolg einer Community steht und fällt mit der Relevanz für die Mitglieder ebenso wie mit der Anzahl, aber vor allem auch der Beteiligung, Interaktion und dem inhaltlichen Beitrag der Mitglieder. Die folgenden Beispiele zeigen die Themenvielfalt von erfolgreichen digitalen Communitys sowie den Nutzen für die Mitglieder.

Wir unterscheiden zunächst zwischen Communitys, die z. B. als Kommunikations- oder Vertriebskanal für Unternehmen dienen, und Communitys, deren originäres Geschäftsmodell eine Community ist.

Communitys als Kommunikations- oder Vertriebskanal 

Bob-Community von Bosch

Die Robert Bosch GmbH – u. a. Hersteller von Elektrowerkzeugen – bietet eine B2B­Plattform von Handwerkern für Handwerker. Hier können sie sich über Bosch­Produkte austauschen und bei Fragen gegenseitig Hilfestellung bieten. Auch Bosch­Experten sind in diesem Forum vertreten (u. a. Entwickler), die Ratschläge und Hintergrundinformationen zu Einsatz und Funktionalität der Produkte bieten.

Nutzen für die Mitglieder

Durch die »Crowd«, also die Menge an erfahrenen Handwerkern, die auf der Plattform vertreten sind, ist die Basis an Know­how über die Produkte viel größer als bei einer reinen Support­-Community durch Bosch selbst. Zudem ist es auch sehr bereichernd, dass unter­ schiedliche Arten von Bosch­-Experten auf der Plattform agieren.

Nutzen für das Unternehmen

Durch die fortlaufende Interaktion in der Community stärkt Bosch die Bindung zu seiner Zielgruppe und lernt seine Kunden und deren Bedürfnisse besser kennen.

Verfügbar unter: https://www.bosch­professional.com/de/de/community/

SAP Community Network

Das Softwareunternehmen SAP bietet mit seiner Plattform einen Ort, an dem sich die Mitglieder der Community bei Fragen rund um SAP­Produkte gegenseitig unterstützen. Auch Weiterbildungsmöglichkeiten wie Webinars werden angeboten. Die SAP­Community ver­ eint rund 450 Subthemen, die in themenspezifischen Communitys organisiert sind und denen die registrierten Mitglieder je nach Interesse folgen können.

Nutzen für die Mitglieder

Sie können sich mit Gleichgesinnten über die Anwendung von SAP­Produkten austauschen und erhalten schnelle und unkomplizierte Hilfestellung bei Fragen.


Nutzen für das Unternehmen

SAP erfährt eine Menge über die Bedürfnisse der Mitglieder und kann entsprechend handeln. Weiter hinten im Buch wird dieser Aspekt als »gain business insights« beschrieben.

Verfügbar unter: http://scn.sap.com/welcome

Weight-Watchers-Community

Das ursprüngliche Konzept des US­Unternehmens Weight Watchers sind wöchentliche Treffen für Abnehmwillige. Seit ein paar Jahren bietet der Gewichtsmanagement­Dienstleister auch ein Online­Programm an, in dessen Rahmen die Mitglieder an der Weight­ Watchers­Community partizipieren können. Wie im obigen Beispiel der SAP­Community gibt es hier unterschiedlichste Foren, die thematisch organisiert sind, u. a. zum Thema »Aktivität & Bewegung«, »Auswärts essen« oder »Vegetarisch essen«.

Nutzen für die Mitglieder

Die Mitglieder können sich über die Herausforderungen des Abnehmens austauschen, sich gegenseitig Tipps geben und unterstützen. Wichtig ist aber auch, den eigenen Erfolg anderen mitzuteilen, das erhöht die Motivation.

Nutzen für das Unternehmen

Es lernt die Bedürfnisse der Mitglieder besser kennen und stärkt zugleich deren Bindung an das Unternehmen. 

Communitys als originäres Geschäftsmodell

Udemy – eine neue Art des Lernens

Die E­Learning­Plattform Udemy gilt als eine der größten weltweit. Sie bietet inzwischen mehr als 40.000 Kurse an. Das Themenspektrum ist immens, es reicht von betriebswirtschaftlichen Themen (wie Marketing, Produktivität, Entrepreneurship, Projektmanagement,) über Sprachen, Kunst bis hin zu Gesundheit und Fitness. Laut eigener Aussage haben bisher rund acht Millionen Menschen an den Kursen von Udemy teilgenommen. Preislich variieren die Angebote von kostenlos über günstig bis teuer. Zudem kann jeder Teilnehmer auch selbst Kurse anbieten und damit Geld verdienen. Hierfür stellt Udemy entsprechende Tools zur Verfügung. Im Unterschied zu anderen »Massive Open Online Courses« (MOOCs), wie beispielsweise udacity.com, können die Teilnehmer bei Udemy keine »Credits« sammeln oder Zertifikate erlangen. Es geht im Wesentlichen um den Aufbau von Wissen, um dies im Beruf gewinnbringend nutzen zu können. Die Community­Mitglieder haben die Möglichkeit, Kurse zu bewerten.

Nutzen für die Mitglieder

Unabhängig von Zeit und Ort können sie Qualifikationen erwerben und aus einer großen Angebotspalette auswählen. Mitglieder können zudem selbst Lehrende werden und über ein Thema, das sie als Trainer anbieten, auf sich aufmerksam machen.

Geschäftsmodell

Umsatz/Gewinn erzielt das Unternehmen über die Kursgebühren. Sie betreiben außerdem Affiliate Marketing.

Verfügbar unter: https://www.udemy.com/

Julia Tanasic, M. A., studierte in Frankfurt, Paris und New York und arbeitete in Washington D. C. im Community Building für amerikanische Regierungsbeamte. Zusätzlich war sie Gründerin verschiedener digitaler Start-ups. Nach beruflichen Stationen, unter anderem beim Weltwirtschaftsforum und bei Pricewaterhouse-Coopers, ist sie heute Unternehmensberaterin in Frankfurt am Main. Daneben ist sie Dozentin für Community Management an der Hochschule Fresenius in Köln.

Cordula Casaretto, MBA und Diplom-Medienwirtin, arbeitet bei einer Unternehmensberatung in Frankfurt am Main. Ihr Schwerpunkt liegt in der Innovations- und Strategieumsetzung sowie in der Unternehmenskommunikation. Sie ist Koautorin diverser Studien und Artikel zu den Themen Innovation, Social Media sowie Cloud Computing. Darüber hinaus lehrt sie als Dozentin an der Hochschule Fresenius in Köln.