#11/2024
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Das „New Normal“ der Frankfurter Buchmesse

Die Frankfurter Buchmesse 2024 hat grundsätzlich positive Impulse setzen können. Die KPI der Messe sind nicht schlecht, der Zuspruch der jungen Zielgruppen ist sehr vielversprechend, das Netzwerken mit anderen Branchen gelingt immer besser – und doch bleibt eine Dauerbaustelle bestehen.

Die nackten Zahlen – seit jeher die wichtigsten Key Performance Indicators der Messe – zeigen folgendes Bild: 

  • Die Messe lockte 115.000 Fachbesucher:innen (Vorjahr: 105.000) aus 153 Ländern (Vorjahr: 130 Länder) und 115.000 Privatbesucher:innen (Vorjahr: 110.000) an. 
  • Außerdem gab es 4300 Ausstellende (Vorjahr: 4.100).

Der Mehrjahresvergleich zeigt das „New Normal“ der Messe: Bei den Besucher:innen könnte mit viel Fantasie das Vor-Corona-Niveau wieder erreicht werden, allerdings womöglich nur mit einem veränderten Konzept, konkret: mit einem weiteren Publikumstag, da limitierte Kartenkontingente an den Wochenendtagen wie dieses Jahr sonst nicht mehr zulassen. 

Hier bleibt festzuhalten, dass die Buchmesse immer stärker darin wird, das Buch an sich zu inszenieren, den Nachwuchs aufs Messegelände zu locken. Das neu eingeführte Areal fürs New Adult-Segment erfreute sich großer Beliebtheit bei jungen Leser:innen (ebenso wie Stände à la Thalia, die gezielt in Richtung Social Media konzipiert wurden). Trotz begrenzter Ticketkontingente bildeten sich auf dem Freigelände der Agora am Wochenende lange Schlangen vor dem Meet-the-Author-Areal. Durch den starken Fokus auf das (junge) Publikum stellt sich freilich immer dringlicher die Frage nach der Abgrenzung von der Buchmesse in Leipzig. Für Verlage wird es schwieriger, das Messebudget zu planen und zu verteilen – für einen größeren Publikumsverlag mit Vollprogramm gäbe es allein in Frankfurt die Gelegenheit, mit drei bis fünf Ständen präsent zu sein, um alle in unterschiedlichen Hallen platzierten Genres und adressierten Zielgruppen abzudecken. Andererseits muss es im Interesse aller Verlagsakteure sein, dem Buch so viele und große Bühnen wie möglich zu bauen, insbesondere um neue Zielgruppen zu erreichen – auch wenn das am Ende für Verlage teurer ausfällt.

Ebenfalls gut gelungen ist erneut die Vernetzung mit anderen Branchen – wo die Buchmesse traditionell stark ist. Der Book-to-Screen Day am Messefreitag verzeichnete eine hohe Nachfrage von Filmschaffenden, und zu dem von der Frankfurter Buchmesse und der Berlinale organisierten Book-to-Screen Matchmaking fanden sich unter anderem renommierte Akteure wie Netflix und Constantin Film ein. Und auch die schon vor Jahren initiierte Ausweitung der Aktivitäten rund ums Hörbuch war und ist goldrichtig.

Zurück zu den KPI der Messe: Anders als bei den Besucher:innen scheint es bei den Ausstellern unmöglich zu sein, das alte Niveau zu erreichen – man erinnere sich an 2010, als es 7539 Aussteller gab, über 3000 mehr als 2024. Das ist vermutlich unvermeidlich. Heißt für die Messe, dass das bisherige Geschäftsmodell Flächenvermietung noch stärker aufgefächert werden muss, um eine solide Finanzierung zu erreichen. Und doch gäbe es auch hier noch einiges Potenzial: So bleibt die Halle 4.0, die aktuell Wissenschaft, Bildung und Publishing Services vereint, bestenfalls ein Kessel Buntes – eine sehr wilde Mischung gerade im hinteren Teil der Halle.

Gerade mit Blick auf Dienstleister, die so entscheidend sind, um Verlage bei ihrer digitalen Transformation zu unterstützen, muss sich die Messe mehr einfallen lassen, beispielsweise mit einem attraktiveren Bühnenprogramm, aber auch mit besseren Vernetzungsmöglichkeiten. Der Gedanke von „Frankfurt Connect“, wie die neue digitale Plattform der Frankfurter Buchmesse heißt, ist im „real life“ der Halle 4.0 noch nicht angekommen.


Viel Spaß bei der Lektüre wünscht  

Daniel Lenz

DIGITAL PUBLISHING REPORT


Foto: Frankfurter Buchmesse, Zino Peterek