Gehören Sie auch zur „Generation Kassettenrekorder“? Zu den Medienmenschen, die Ende des letzten Jahrtausends begannen, sich mit dem Internet und World Wide Web (das immerhin auch schon 35 bzw. 10 Jahre alt war) auseinanderzusetzen und erste Web-Präsenzen aufzubauen? Anfänglich dachte kaum jemand an Geschäftsmodelle: Zuerst war Wilder Westen angesagt, was bekanntermaßen zum Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 führte. Merkwürdigerweise ging das Internet nicht weg, was einige Untergangspropheten tatsächlich voraussagten. Im Gegenteil: Heute ist das Internet sozusagen in den Hintergrund aller digitaler Aktivitäten gerückt und das „Ich bin drin!“ der Tennis-Ikone Becker hat heute eher nostalgischen Charakter. Die „Digital Natives“ haben größtenteils übernommen (was die Sache nicht zwingend besser macht, aber das ist eine andere Geschichte).
Hier geht es aber nicht um Nostalgie, sondern um das Eingestehen dessen, was wir im Moment gar nicht abschätzen können: Was wird uns Künstliche Intelligenz bringen? Dazu würde ich gerne zwei Trendforscher heranziehen. Der Erste ist Roy Amara (1925-2007), der sinngemäß sagte, dass wir bei allen Neuerungen und neuen Technologien dazu neigen würden, den kurzfristigen Impact zu über- und die langfristigen Auswirkungen zu unterschätzen. Und der Zweite ist Gottlieb Daimler (1834-1900), der den Markt für Automobile so einschätzte, dass „die weltweite Nachfrage nach Kraftfahrzeugen eine Million nicht überschreiten wird. Allein aus Mangel an verfügbaren Chauffeuren“. (Fairerweise müssen wir hier anmerken, dass diese Aussage wahrscheinlich aus einer Marktanalyse der Firma Daimler aus dem Jahre 1901 stammt und nicht von Gottlieb Daimler selbst.) Bevor Sie jetzt lachen, denken Sie kurz darüber nach, wieso es zu dieser Aussage kam – tatsächlich ist diese absolut valide und glaubhaft! Der entscheidende Punkt: Man konnte sich damals Nutzungsszenarien wie Self-Driving schlicht nicht vorstellen, was heute die Regel ist. Und Chauffeure können sich nur die wenigsten leisten.
Machen wir uns nichts vor – in Sachen KI sind wir alle „Generation Kassettenrekorder“. Und wir können uns aufgrund unserer eingeschränkten Erfahrungen schlicht keine Szenarien vorstellen, die in – sagen wir einmal – 20 Jahren zutreffen. Allerdings gibt es in Sachen KI doch einen Unterschied zum Auftauchen des Internets: Der Faktor „absolut neu“ trifft nicht zu, viele Basistechnologien sind uns vertraut (etwa die simple Nutzung eines ChatBots). Was wohl erklärt, dass bei allen begründeten Bemühungen, für KI Rechtsrahmen zu erstellen, die Nutzung von KI in vielen Medienunternehmen eine hohe Durchdringung hat (siehe Seite 11). Allenthalben wird experimentiert und viele wissen: Der eigentliche Produktivitätseinsatz kommt erst noch. Und völlig natürlich damit umgehen werden die KI-Natives. Aber das wird noch dauern.
Bleiben Sie neugierig!
Steffen Meier
DIGITAL PUBLISHING REPORT