Daniel Lenz
Ein paar Worte zum Geleit
Klassische Verlage und innovative digitale Produkte – kannste vergessen, die Einführung von E-Books und E-Papern hat dies bereits vor über zehn Jahren gezeigt ... Diesen Eindruck könnte man gewinnen, in dieses gern verwendete Horn könnte man stoßen beim Blick auf die SiegerInnen-Liste des diesjährigen dpr award: Die reicht von einer modernen Nostalgie-Plattform über KI-gesteuerte Audio-Services, multimediale Wissensinhalte bis hin zu hybriden Daumenkinos. Die Liste ist also extrem vielfältig – aber keiner der GewinnerInnen kommt aus einem klassischen Verlagsumfeld. Die Pokale der diesjährigen Austragung stehen ausnahmslos bei Dienstleistern oder auch Start-ups ohne unmittelbare Verlagsanbindung oder -herkunft. Heißt bei einem Preis, der herausragende Projekte auszeichnen soll, „mit denen Verlage sowie verlagsähnliche Akteure (Agenturen, Selfpublisher, etc.) die digitale Transformation meistern“ – Verlage sind lost in der Transformation?
Vorsicht Vorurteil-Falle! Auch wenn am Ende die klassischen Verlage beim dpr award leer ausgegangen sind, fällt die Bilanz der diesjährigen Preisverleihung anders aus, und das zeigt der Blick auf die Shortlist: Auf der sind nämlich einige Verlage mit sehr überzeugenden Produkten und Services.
Als die Jury bei der Auswahl der KandidatInnen fürs Finale die „gestiegene Qualität und Ausgereiftheit der Bewerbungen“ hervorhob und dabei erklärte, dass im dritten Award-Jahr erstmals Produkte und Services dabei seien, „bei denen die einreichenden Unternehmen ‚alles richtig gemacht‘“ hätten, zielte diese Bemerkung besonders auf die Verlage, die sich beteiligt haben, darunter:
- Der Michael Müller Verlag mit seiner Smartphone-App „mmtravel“, die – beispielsweise mit Filterfunktionen und Offline-Karten – vormachen, wie Verlage ihren hochwertigen Print-Content überzeugend in anderen Kanälen ausspielen können.
- Der Verlag an der Ruhr, dessen digitale Unterrichtseinheiten „Klick und los!“ mit den üblichen blätterbaren PDFs so gar nichts mehr zu tun haben.
- Der große Wettbewerber Westermann, für den das Gleiche mit Blick auf die in Lernmaterialien eingesetzte „SmartResponse“-Technologie gilt: Statt einer 1:1-Umsetzung von Printmaterial hat Westermann ein modernes NLP-gestütztes Verfahren entwickelt, um den SchülerInnen Feedback zum Lernerfolg zu geben.
- Schließlich der Hogrefe Verlag, der für das 100 Jahre alte Traditionswerk „Dorsch – Lexikon der Psychologie“ eine von vorne bis hinten durchdachte und sauber umgesetzte Portallösung konzipiert hat.
Heißt also: Auch wenn die SiegerInnen am Ende aus einem anderen Lager kamen, müssen sich die Verlage keineswegs mit ihren digitalen Angeboten verstecken. Viele haben gelernt, wie sie mit agilen Methoden und klarem Kundenfokus überzeugende Lösungen auf den Markt bringen. Insofern ist der dpr award 2021 kein Armutszeugnis, sondern ein starkes Signal der Hoffnung für klassische Verlage.
Verkörpert wird dieser positive Wandel sowie diese Herangehensweise bei der digitalen Entwicklung besonders von unserem „digital leader“ 2021, Ralph Möllers. Ralph hat einen klassischen Verlagshintergrund, und ihm ist es in seiner Laufbahn immer wieder gelungen, das „Digitale zum Fliegen“ zu bringen, wie Harald Henzler in seiner Laudatio betonte: mit dem international erfolgreichen Online-Marketingtool book2look oder aber der Social-Reading-Plattform Lectory. Freilich mit viel trial and error, mit einigen Sturzflügen und Bauchlandungen, die gerade bei digitalen Erfindungen dazugehören. All das hat Ralph nicht entmutigt, im Gegenteil: Es hat ihn angestachelt, es beim nächsten Mal noch besser zu machen.
Vor diesem Hintergrund freuen wir uns schon jetzt auf die Einreichungen der Verlage für den dpr award 2022.
Viel Freude bei der Lektüre dieser dpr-Ausgabe!
Daniel Lenz
Co-Herausgeber
DIGITAL PUBLISHING REPORT