#11/ 2020
12/15

Barrierefrei in die Zukunft?

Der European Accessibilty Act und die Auswirkungen für die deutsche Verlagsbranche

Im April 2019 wurde der European Accessibilty Act beschlossen, der weitgehende Vorgaben für die barrierefreie Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen innerhalb der EU macht. Der EAA muss bis 2022 in nationales Recht umgesetzt und mit einer Übergangsfrist ab 2025 in der vertrieblichen Praxis angewandt werden. Der steht in einer Reihe von Regelungen zum Thema Barrierefreiheit wie der deutschen BITV oder dem Vertrag von Marrakesch – im Gegensatz zu diesen Normen wird der EAA aber weitgehende und bindende Eingriffe in die Produktgestaltung von Medien- und Software-Angeboten mit sich bringen. Fragen an Fabian Kern, Experte für das Thema Barrierefreiheit.

European Accessibility Act, kurz EAA, der Marrakesch-Vertrag, BITV – es geht im weitesten Sinne um Barrierefreiheit, ist also absolut unterstützenswert. Was bedeutet das aber konkret für Medienunternehmen, für Content-Produzenten?

Während der Marrakesch-Vertrag unsere Branche nur in Bezug auf bestimmte Ausnahmen von Urheberrechts-Regelungen betroffen hat, greift der European Accessibility Act tief in unsere Produkt- und Angebots-Welt ein. Neben der Verlags- und Medienbranche betrifft das noch viele weitere Branchen, etwa die ganze Software- und Telekommunikations-Industrie. Medienunternehmen sind vor allem in zwei Bereichen betroffen: Digitale Medien wie eBooks und Web-Applikationen müssen in Zukunft barrierefrei gestaltet werden, ebenso aber auch eCommerce-Auftritte wie die vielen Verlags-Shops und Buch-Marktplätze im Netz.

Im Detail bedeutet dies, dass es in Zukunft bindende Vorgaben für die Gestaltung und den technischen Aufbau dieser Produkte und Dienstleistungen geben wird. Diese sollen sicherstellen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen unsere Angebote auf möglichst zugängliche Weise nutzen können. Beispielsweise soll Content so aufbereitet werden, dass Assistenz-Systemen wie Screenreadern oder Braille-Zeilen für Blinden und Sehbehinderte optimal damit umgehen können. Der wahrscheinlich tiefgreifendste Eingriff in die Produkte ist die Notwendigkeit für alternative Beschreibungstexte bei visuellen Inhalten wie Bildern und Illustrationen. Denn hier wird deutlich, dass es nicht nur um eine rein technische Anpassung geht, sondern dass hier auch die redaktionelle Gestaltung der Inhalte betroffen ist. Das ist in meinen Augen auch der größte Unterschied zu ähnlich einschneidenden Vorschriften wie etwa der DSGVO, die ja weitgehend prozessuale Vorgaben gemacht hat.


Webinar: Barrierefrei in die Zukunft? Der European Accessbility Act und die Auswirkungen für die deutsche Verlagsbranche

Das Webinar gibt einen Überblick über die aktuellen juristischen Entwicklungen für ein barrierefreies Angebot von Medienprodukten und Dienstleistungen und zeigt auf, welche Vorbereitungen von Anbietern getroffen werden sollten, um den künftigen Rahmenbedingungen gerecht zu werden. Erfahren Sie schon heute, welche Maßnahmen Sie in den Bereichen Digitalmedien, Services und Online-Shops ergreifen müssen, um optimal für die Zukunft gerüstet zu sein!

Montag, 30.11.2020, 14:00 – 15:30 (90 Min)

Infos und Buchung



Wie sehen die technischen Grundlagen aus?

Aufgrund der Arbeiten, die für Barrierefreiheits-Standards im World Wide Web Consortium geleistet worden sind, können wir auch einen gut ausgebauten Katalog an Richtlinien und Best Practise zurückgreifen, die für die Umsetzung genutzt werden können. Mit den Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) für die Gestaltung der Inhalte und dem Standard für Accessible Rich Internet Applications (ARIA) für die Usability von Web-Applikationen sind hier die zentralen Grundlagen erarbeitet worden. Ähnlich wie bei der BITV nehme ich an, dass die deutsche Gesetzgebung zum EAA für die Umsetzungs-Vorgaben schlicht auf WCAG/ARIA verweisen wird. 

Im Detail wird es dann so aussehen, dass der zugrundeliegende HTML-Standard (der uns ja sowohl für den eCommerce-Bereich als für EPUB als Basis begleitet) an einigen Stellen erweitert wird, um Barrierefreiheit zu gewährleisten. An anderen Stellen müssen existierende Datenstruktur schlicht anders oder präziser verwendet werden als bisher. Am grundlegenden Toolset wird sich also nicht besonders viel ändern. Webdesigner, Gestaltung und Anbieter von eBooks werden nur eben ein paar neue handwerkliche Techniken lernen müssen – und sich angewöhnen müssen, mit Zielgruppen-Bedürfnissen umzugehen, die bisher eher nicht im Fokus standen. 

Im Juni 2019 trat die EU-Richtlinie in Kraft - wann ist denn hierzulande "Deadline"? Was passiert mit Inhalten, die bis dahin nicht barrierefrei sind?

Der EAA muss bis Mitte 2022 in deutsches Recht umgesetzt worden sein, danach gilt noch einmal eine relativ lange Übergangsfrist bis Juni 2025, bis die Regelungen spätestens bindend sind und im Handel angewandt werden müssen. Wir haben also noch einiges an Zeit, um uns als Medienanbieter auf dieses Szenario vorzubereiten. Gleichzeitig ist aber mein Eindruck, dass die Anforderungen an barrierefreie Produkte so stark in die Prozesskette eines Verlagshauses eingreifen und dort eine enge Verschränkung von technischen Umstellungen und redaktioneller Aufbereitung erfordern, dass man die bestehende Vorlaufzeit gut nutzen sollte. 

Da die Details der deutschen Gesetzgebung zum EAA noch nicht klar sind, können wir über die Sanktionierung rund um die Regelungen bisher nur Vermutungen anstellen. Einigermaßen sicher erscheint aber mir aufgrund des Regelungsrahmens, dass nur neue Produkte betroffen sein werden – das heißt, dass Verlage nicht gezwungen sein werden, etwa auch ihre eBook-Backlist barrierefrei aufzubereiten. Für neue Produkte dagegen wird Barrierefreiheit aber sicher zum notwendigen Standard werden. Ich nehme aber an, dass wir neben der juristischen Sanktionierung auch mit einem gewissen moralischen Druck rechnen können. Gerade als Branche, die sich stets auch in einer gesellschaftlichen Verantwortung sieht, sollten uns wir der Schaffung von Teilhabe für so viele Menschen wie möglich auf keinen Fall verweigern.

Ist Barrierefreiheit auch eine Chance für Medienunternehmen?

Aus meiner Sicht auf jeden Fall: Zum einen sehe ich den Effekt, dass neben Zielgruppen wie Blinden und Sehbehinderten eben auch Menschen im Fokus der Regelungen sind, die in der Summe einen großen Anteil der Bevölkerung ausmachen, etwa Menschen mit Sehschwäche, Farbenblindheit, Epilepsie und anderen relativ „alltäglichen“ Beeinträchtigungen. Gestaltet man Produkte und eCommerce-Umgebungen so, dass für sehr viel mehr Menschen als bisher gut zugänglich sind, bietet das aus meiner Sicht durchaus auch Marktchancen.

Zum anderen glaube ich, dass die Umsetzung der Anforderungen auf handwerklicher Ebene zu einem strukturierteren Herangehen an Produktgestaltung und inhaltliche Aufbereitung führen wird, wenn sie ernsthaft betrieben wird. Vielleicht erleben wir in der Folge auch nochmal einen weiteren Digitalisierungs-Schub in der Branche. Und wo immer wir bisher solche Innovationsprozesse gesehen haben, war die Folge, dass die Produkte dadurch in der Summe auch besser geworden sind – und das für alle Zielgruppen.

Der Autor

Fabian Kern begleitet mit seiner Unternehmensberatung Medienhäuser in die digitale Welt. Er verfügt über langjährige Erfahrung im Management von Digitalisierungsprojekten im Fachmedien-Bereich mit den Schwerpunkten XML-Content-Management, Web-Entwicklung, Online-Datenbanken, eBooks und Mobile Apps. Er ist als Berater, Projektleiter, Product Owner und Referent tätig. Mit seiner Firma digital publishing competence unterstützt er seine Kunden dabei auch in der praktischen Produktumsetzung mit agilen und klassischen Projektmanagement-Methoden. Er ist als Dozent an der Akademie der Deutschen Medien und an der LMU München aktiv.