#11/ 2020
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„Wir haben den Kulturwandel nicht um seiner selbst willen angestoßen“ – beim Herder Verlag sind die Abteilungen Marketing und Vertrieb Geschichte

Ein Gespräch mit Simon Biallowons und Philipp Lindinger, der neuen Doppelspitze des Herder Verlags

Bei Herder ist die herkömmliche Abteilungsstruktur zurückgetreten gegenüber einer prozessorientierten Gliederung in die Bereiche Content/Product und Business/Reach. Wie gestalten Sie den Umbau der alten Abteilungsgrenzen und wovon lassen Sie sich inspirieren?

Wir beide bringen Erfahrungen nicht nur aus der Verlagswelt, sondern auch aus Agenturen mit, in denen Flexibilität, Agilität und der Performance-Gedanke wesentliche Rollen spielen. Dazu kommt Know-how aus der Industrie 4.0, mit einem starken Fokus auf Prozessverbesserung durch Lean-Management. Die ersten Erfolge bei der Neuausrichtung des Verlags brachte die Zusammenführung der Bereiche Marketing und Vertrieb. Mit Unterstützung von Björn Mahler (PONDUS, Agile Coach) haben wir aus ihnen die matrixorganisierte Einheit „Reach“ entwickelt. Die Learnings aus diesem Prozess helfen uns bei dem Kulturwandel, den wir in der Folge für das ganze Haus angestoßen haben. Zentral dabei ist das neu geschaffene Team „Kulturwandel“. Und: Eine wichtige Inspirationsquelle sind die zahlreichen Start-ups, mit denen wir durch unser Netzwerk verbunden sind. 

Was genau ist eine maxtrixorganisierte Einheit? Wodurch unterscheidet sie sich von der herkömmlichen Abteilungslogik? 

Wir denken weniger in Bereichen und Abteilungen, sondern mehr in Rollen und Aufgaben. Einzelne Rollen gestalten eine Kampagne und lösen sich auf, wenn die Aufgabe abgeschlossen ist. Dieses Holacracy-Prinzip wenden wir in allen Bereichen des Hauses an. 

Sie und Ihr Kollege Simon Biallowons haben gemeinsam die operative Verlagsleitung von Manuel Herder übernommen. Damit ist der von Ihnen begleitete Change zugleich ein Generationenwechsel. Welche Rolle spielt diese zusätzliche Ebene für die Veränderungen in Ihrem Hause?

Wir betrachten das nicht als zusätzliche Ebene, denn für uns ist die integrative Komponente des Kulturwandels essenziell. Manuel Herder ist als Verleger mit seinem Netzwerk, seinem Unternehmergeist und seiner Expertise für uns unglaublich wertvoll. Er hat diesen Generationenwechsel auf der operativen Ebene als Kulturwandel eingeleitet – gemeinsam mit dem ganzen Haus arbeiten wir daran, dass mit diesem Wandel seine Erfolgsgeschichte auch in den nächsten Generationen fortgeschrieben wird. Denn eines ist klar: Ein Haus wie Herder ist etwas ganz Besonderes in unserer Branche. 

Was zeichnet die neue Herder-Kultur aus? 

Bottom-up statt Top-down, Digitalisierung, Partizipation, Aufbrechen von Silodenken ... Wir könnten schlagwortartig weitere Aspekte unseres Change nennen, die bei uns nicht nur vorgegeben, sondern tatsächlich gelebt werden. Die Grundlage für all das ist aber relativ simpel: Wir haben den Kulturwandel nicht um seiner selbst willen angestoßen. Wir wollen zusammen mit unseren Kolleginnen und Kollegen unsere großen Potenziale nutzen, damit wir mit hervorragenden Produkten erfolgreich Orientierung in einer sich verändernden Welt bieten.  

Wie gehen Sie mit der Tatsache um, dass die einzelnen Menschen in einer Organisation sehr unterschiedlich mit mit Veränderung umgehen? Was bedeutet das für Ihre Kommunikation?

Unser Kulturwandel trägt den #gemeinsamstaerker. Das ist keine Floskel, die wir uns ausgedacht hätten, sondern das Ergebnis einer Mitarbeiterumfrage. Wir haben die Erfahrung gemacht: Veränderung stößt dann auf Widerstand, wenn man sie nicht transparent und nachvollziehbar begründet – und das Ziel skizziert. Wir wollen unsere Kolleginnen und Kollegen nicht nur mitnehmen, wir wollen uns auch von ihnen mitnehmen lassen. 

Welche Tools und Methoden erweisen sich bei Ihnen als besonders hilfreich?

Die Investitionen in Hard- und Software wie zum Beispiel Notebooks für alle Mitarbeiter, verbunden mit der Nutzung von Microsoft 365, sowie das cloudbasierte Arbeiten ermöglichen es uns, auch in mobilen Settings wie dem Home Office produktiv zu sein. Die Kommunikation findet über MS Teams, MeisterTask als Kanban-Tool, Mural als kollaboratives Tool sowie PONDUS als unsere Verlagssoftware statt. Schon relativ schnell nach Einführung dieser Werkzeuge konnten wir eine signifikante Effizienzsteigerung feststellen – und zwar in allen Bereichen unseres Hauses. 

Sie nutzen mit PONDUS eine browserbasierte Verlagssoftware. Welche Rolle spielt dieses Tool, spielt aber auch das PONDUS-Team für Ihren Change?

PONDUS als unsere Verlagssoftware spielt eine sehr zentrale Rolle. Auf der kollegialen Ebene, weil wir einen intensiven Austausch pflegen und so wichtige Anregungen und Ideen erhalten. Auf der technischen Ebene, weil Aufgaben wie Produktplanung und -kalkulation, aber auch die Kommunikation insgesamt durch unsere Verlagssoftware vereinfacht werden. Und in allen Bereichen sind wir permanent gemeinsam auf der Suche nach möglichen Verbesserungen.

Herder hat sich die Bezeichnung „Traditionsverlag“ über eine sehr lange Zeit verdient. Wie gehen Sie mit dieser Qualität um?

Das Label „Traditionsverlag“ ist für uns dann eine Auszeichnung, wenn es immer wieder in Resonanz mit den aktuellen Herausforderungen steht. Das verpflichtet, das spornt an – und es macht auch eine ungeheure Freude! Biblisch könnte man sagen: Talente soll man mehren und nicht einfach nur vergraben und liegenlassen. 

Ihr Verlag vereint verschiedene Programmsegmente und unterschiedliche Standorte. Was bedeutet das für Sie und die Begleitung der Veränderungen?

Wir müssen Sinn und Ziel unseres Kulturwandels maximal deutlich machen, um gemeinsam diese Veränderung voranzutreiben. Zugleich erfahren wir immer wieder, dass unsere Heterogenität zwar auch fordernd sein kann, aber zugleich unglaublich bereichernd ist. Wir sind stolz darauf, dass der Name Herder in verschiedenen Bereichen präsent und wichtig ist. 

Wenn Sie Ihre schönste Change-Erfahrung benennen sollten: Was fällt Ihnen hier ein? Und welche Fehler beim Management von Veränderungen möchten Sie unbedingt vermeiden?

Wir haben einen Kollegen, der seit mehr als vier Jahrzehnten im Haus ist, und der den Change wesentlich vorantreibt. Das zu erleben und zu sehen, wie auch dadurch die anderen Kolleginnen und Kollegen begeistert werden, das ist großartig. Change ist keine Frage des Alters, sondern eine Frage des Willens, Dinge zu verändern. Es geht doch darum: Wandel gibt es immer. Die Frage ist nur: Nehme ich ihn passiv hin oder gestalte ich ihn aktiv? Wir als Haus sind entschieden: Wir gestalten aktiv.