#11/ 2020
9/15

Journalismus as a Service

Innovative Tools geben der Idee der hyperlokalen Berichterstattung neue Fahrt.

„Journalismus muss man stärker als Dienstleistung für die Bürger betrachten“, sagt Sarah Alvarez. Die ehemalige Anwältin und Reporterin bei Michigan Radio gründete 2019 das Projekt Outlier. Eine Journalismus-as-a-Service für die 670.000 Einwohner der Großstadt Detroit im US-Bundesstaat Michigan. „Es geht uns darum“, sagt die Journalistin, „Probleme zu benennen und den Armen und den Ausgegrenzten der Stadt eine Stimme zu geben.“ Dazu setzt sie auf eine völlig neue Art der Themengenerierung: Auf unterschiedlichen Kanälen versucht Outlier im direkten Kontakt die Anliegen, Ärgernisse und Probleme der Bürger zu erfahren. 

Einwohner können etwa Textnachrichten an Outlier schicken, in denen sie auf Missstände in ihrer Nachbarschaft oder ihrem Stadtteil hinweisen. Die bei Outlier arbeitenden Journalisten gehen den Sachverhalten nach. Die Recherchen und Berichte darüber veröffentlicht Outlier dann in unterschiedlichen Stadt- oder Stadtteil-Magazinen, Print und Online, wie etwa im Bridge Magazine oder in der The Detroit News, eine der zwei großen Tageszeitungen in Detroit. Bürger können also mit ihren Anliegen oder ihren Problemen direkt journalistische Recherchen anstoßen und so medialen Druck auf die Kommune oder die dafür Verantwortlichen schaffen.

Outlier ist eines von vielen neuen internationalen Projekten, mit denen die Idee hyperlokaler Berichterstattung neue Fahrt bekommt. Neue Konzepte, ein erweitertes Verständnis von Journalismus und neue Werkzeuge für Redakteure und Journalisten sorgen zusätzlich für Geschwindigkeit. Auch die Pandemie hat das Interesse der Nutzer und damit die Reichweite vieler hyperlokaler Angebote kräftig steigen lassen.

So erreichte beispielsweise The West Side Rag im März dieses Jahres mit rund 600.000 Besuchern ein Allzeithoch. Die 2011 gegründete ambitionierte Mischung aus Online-Zeitung und Blog deckt die Upper West Side von Manhattan mit Berichterstattung ab. Damit hat The West Side Rag innerhalb eines Jahres eine Leserschaft verdreifacht. „Wir berichten über Immobilien, Kriminalität, Geschäftseröffnungen und -schließungen, die Parks und viele andere Themen“, sagt Chefredakteurin Carol Tannenhauser. Außerdem werden noch unterschiedlichste Meinungs-Kolumnen über das Leben in der Nachbarschaft veröffentlicht. Doch eigentlich, sagt Tannenhauser, „lassen wir Manhattan wie eine Provinzstadt erscheinen.“

Auch die Nachbarschafts-Apps erreichen mittlerweile beachtliche Reichweiten: Die 2016 gegründete Citizen App ist mittlerweile für die Großstädte und Metropolregionen New York City, der San Francisco Bay Area, Baltimore, Los Angeles, Philadelphia, Detroit, Indianapolis, Phoenix, Cincinnati und Cleveland verfügbar. Mit der kostenlosen App können Nutzern Kommentare, Videos oder auch Warnmeldungen aller Art zu veröffentlichten – von Infos über Verkehrsstaus bis zu Schießereien. Laut Forbes verfügt Citizen über eine Million aktive Nutzer. Bloomberg meldete vor kurzem, dass allein in New York City rund eine Million Menschen die App heruntergeladen hätten. Die App rangiert unter den Top Ten der Nachrichten-Apps im App Store. Derzeit ist Ciziten noch kostenlos, doch rund 50 Entwickler arbeiten an der Entwicklung eines Geschäftsmodells.

Bereits vor mehr als zehn Jahren starteten die ersten hyperlokalen Projekte. Die Kernidee: Berichterstattung, Nachrichten und Nutzwert nicht nur im Rahmen eines Lokalteils für eine Groß- oder eine Kleinstadt anzubieten, sondern für kleinere Einheiten wie Dörfer, Stadtteile, Viertel oder gar einzelne Straßenzüge. Wesentlich feingranularer als die Formate bisheriger Rubriken oder Bücher, also Heftteile einer Tageszeitung. 

Mit der zunehmenden Krise der Lokal- und Regionalzeitungen entstanden hyperlokale Projekte auch in solchen Gebieten, aus denen sich die Tageszeitung zurückgezogen haben. Die Gründe für die Rückzüge lagen meist darin, dass die Städte oder Ortschaften für zu klein gehalten wurden und man mangels potenzieller Leser und Anzeigenkunden auch keine wirtschaftlichen und kaufmännischen Perspektiven mehr sah. 

Besonders Großbritannien gilt heute als ein Zentrum der kleinen und kleinsten lokaler Projekte. Eine interaktive Weltkarte auf der Website des Centre for Community Journalism (C4CJ) an der Hochschule von Cardiff zeigt im Augenblick mehr als 100 Projekte. Davon rund 90 allein auf der britischen Insel. Der Grund liegt darin, dass sich dort viele Tageszeitungen sich aus der Provinz zurückzogen.

Die Idee hyperlokaler Angebote hat sich ganz gut entwickelt. Eine 2016 veröffentlichte Studie „Hyperlocal Renenues in the UK and Europe“ der Nesta (National Endowment for Science, Technology and the Arts), einer gemeinnützigen Innovationsstiftung mit Hauptsitz in Großbritannien, listet Projekte aus ganz Europa. Analysiert wurden Initiativen und Angebote aus UK, Frankreich, Niederlande, Belgien und Schweden. Von den 35 analysierten Projekten sind heute trotz Medien- und Corona-Krise immerhin noch 29 Projekte aktiv. 

Darunter Klassiker wie etwa 321an (http://www.321an.se): Die Website berichtet aus und über 19 kleine Dörfer entlang der Straße Nr. 321 in der dünn besiedelten Gegend von Åre und Berg im Norden Schwedens. Das Gebiet zählt insgesamt gerade einmal 17.500 Einwohner. Oder etwa Deeside.com aus der gleichnamigen Region in Nordwales, die – laut Studie – „nicht mehr direkt von den Mainstream-Medien abgedeckt wird“. Das Angebot entstand aus einem Twitter-Account und einer kleinen Website, über die Nachrichten über die Region ausgetauscht wurden.

Nun kommen neue Projekte hinzu – einige setzen dabei auf mehr Interaktivität, andere auf Datenjournalismus: Warum gibt es in Sherman Oaks, einem bürgerlichen Stadtteil von Los Angeles, über 3.000 Swimming-Pools und in anderen, ebenfalls bürgerlichen Bezirken, nur ein Bruchteil davon? Solche Fragen versucht die neue Website Crosstown LA (https://xtown.la) zu klären. Das Non-Profit-Projekt nutzt unterschiedliche Datenquellen, um daraus Nachrichten zu generieren, die sie in stadtteilspezifischen Newslettern ihren Lesern anbietet. 

Bis zur Corona-Krise bot man bei Outlier einen speziellen SMS-Service, bei dem Mieter ihre Adresse an Outlier senden konnten. Das Projekt prüfte dann, ob die Grundsteuer auf die Immobilie auch bezahlt wurde oder nicht. Diese Tatsache ist in der Metropole von großem Interesse für die Mieter. Denn wurde die Grundsteuer von den Eigentümern nicht bezahlt, droht den Mietern oft die Zwangsräumung. Deshalb haben sie Menschen allen Grund zu  erfahren, ob ihnen so etwas drohen könnte. Rund 1.600 Bürger nutzten dieses Angebot vor der Corona-Pandemie und dem Shutdown. Outlier antwortete innerhalb von 48 Stunden. Bei knapp der Hälfte der Nutzer ergeben sich dann aus der Antwort weitere Fragen.

Wirtschaftlich muss das Projekt nicht arbeiten, denn es lebt von Spenden und ehrenamtlicher Arbeit. Es macht Anbietern von Lokalinhalten allerdings deutlich, welche neuen und vor allem schnellen und niederschwelligen Instrumente es geben kann, um die Anliegen der Bürger zu ermitteln und in die Berichterstattung einfließen zu lassen. 

In eine ähnliche Richtung geht das Projekt von Alan Qualtrough. Der Journalist, der lange Jahre in der Londoner Fleet Street gearbeitet hat, will sich im südenglischen Plymouth nicht auf übliche Nachrichten konzentrieren. Er möchte den Bürgern des Stonehouse, das sind rund 15.000, eine Plattform geben, auf der sie ihre eigenen Geschichten erzählen können. Dazu gibt er eine Art Wochenzeitung heraus im Tabliod-Format heraus. Name des Print-Produkts: The Stonehouse Voice.

Der US-Kabelnetzbetreiber, Access-Provider und Anbieter von Video-on-Demand-Diensten Charter Communications startete diesen Juli einen eigenen lokalen Dienst: Die „Spectrum News App“ bietet Video- und textbasierte Geschichten sowie Live-Video-Feeds aus ihren über 30 TV-Nachrichtennetzwerken in Kalifornien, Florida, Kentucky, Massachusetts, New York, North Carolina, Ohio, Texas und Wisconsin. Weitere Lokalnachrichten kommen von Multimedia-Journalisten, die in allen lokalen Schwerpunktmärkten eingestellt wurden. Alle 28 Millionen Internet-, Fernseh- und Mobilfunkkunden von Charter Communications erhalten freien Zugang zu der App. Innerhalb der App geben die Nutzer ihre Postleitzahl ein und erhalten dann standort-spezifische Nachrichten und Wettervorhersagen. Interessierte können die App 30 Tage lang kostenlos testen.

Doch auch jenseits der traditionellen Medien und Networks entstehen Angebote, die Journalisten die Möglichkeit geben, ihre Inhalte direkt an ihre Leser auszuliefern und zu monetarisieren: Die Plattform JoinSubtext mit Büros in New York und San Francisco bietet Journalisten seit einem Jahr einen Service, um ihre Inhalte per Textnachricht mit oder ohne Link direkt an ihre Leser zu bringen und zu vermarkten. Das Projekt, früher bekannt unter dem Namen Project Text, wurde im vergangenen Jahr von der Advance Alpha Group – dem hauseigenen Technologie- und Medieninkubator vom Vermarkter Advance Local – ins Leben gerufen. Gegen eine Gebühr können Interessierte die News einzelner Journalisten abonnieren. Rund 310 Angebote existieren bereits, davon sind 150 klassische Lokalberichterstattung, weitere 15 bis 20 Angebote haben hyperlokalen Charakter. „Mit unseren lokalen und landesweiten Services zur Covid-Pandemie erreichen wir zusammengenommen rund 200.000 Abonnenten“, erklärt Michael Donoghue, CEO und einer der Gründer von Subtext. „Wir haben auch Angebote, die über einzelne Stadtviertel, für bestimmte Gruppen einer Stadt, wie etwa für die spanische Community, oder über kleine Dörfer berichten“, ergänzt Mitbegründer David Cohn. So liefert etwa Rappnews etwa Nachrichten für die rund 7.000 Einwohner von Rappahannock County, ein Landkreis rund 40 Kilometer westlich von Washington. 

Journalisten gehen kaum ein Risiko ein: „Als Gebühr nimmt JoinSubtext 20 Prozent der generierten Umsätze“, sagt Gründer Michael Donoghue. Man habe gerade in Kanada zusammen mit Glacier Media das erste Angebot außerhalb der USA gestartet. Man hat große Pläne: „Wir arbeiten aktiv daran, unseren Dienst auch in West-Europa anzubieten“, sagt Donoghue, „und wir schauen uns gerade nach interessierten Partnern um. Wer Interesse an einer Zusammenarbeit hat, soll sich melden.“

Finanzierung ist natürlich immer ein Thema: Mit einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne finanzierte sich Juni 2015 etwa die Plattform Rue89 Straßburg www.rue89strasbourg.com, die sich investigativ um die lokalen Themen Straßburg kümmert. Seitdem versuchen viele Projekte es auf gleichen Weg.

Mit einem digitalen Wirtschaftsmagazin, Stellen- und Immobilienangeboten und einem Online-Shop konnte der Lincolshire-Reporter https://lincolnshirereporter.co.uk/ Einnahmen generieren, die heute seine Finanzierung sichern. Die im Mai 2010 als Unternehmen gestartete Website verzeichnet heute durchschnittlich 500.000 Besuche pro Monat.

In Großbritannien hat sich mit Hilfe des Digital News Innovation Fund von Google der Vermarkter Value My News gegründet, der hyperlokalen Verlagen helfen möchte, ihre Inhalte zu monetarisieren.

Der Philadelphia Inquirer und das Lenfest Local Lab, ein Innovationspool des Lenfest Institute for Journalism, wollen hyperlokale Nachrichten in großem Maßstab entwickeln. Denn sie sehen: Zuverlässige hyperlokale Berichterstattung skaliert nur sehr schwer. „Der Inquirer hat in den vergangenen zwei Jahren viele erfolgreiche Newsletter herausgegeben, aber die meisten sind sehr arbeitsintensiv“, sagt Kim Fox, leitende Redakteurin des Inquirer für „Audience and Innovation“.

Das soll sich ändern. Dazu möchten sie teilautomatisierte, stark kollaborative Newsletter entwickeln. Gemeinsam testen wir eine neue Form eines hyperlokalen Newsletters, der Datenautomatisierungstechniken und die Zusammenarbeit mit Nachrichten aus der Nachbarschaft und Gemeindegruppen nutzt, um die Skalierung dieser Produkte in einer Region realistischer zu gestalten. Denn Newsletter hätten sich als ein erfolgreiches Gegenmittel gegen die sozialen Medien erwiesen. Newsletter sorgen außerdem dafür, dass die Leser immer wieder kommen. Die Daten des Inquirer zeigen laut Kim, dass Newsletter-Abonnenten aus dem Raum Philly viermal häufiger ein Abonnement abschließen als Besucher von außerhalb des Gebiets.

Der Autor

Olaf Deininger: Der Wirtschaftsjournalist und Digitalexperte blickt auf eine langjährige Erfahrung in leitenden Positionen zurück, unter anderem als Chefredakteur von „handwerk magazin“ (2014 bis 2019) in München, Entwicklungsleiter beim Deutschen Landwirtschaftsverlag (München), Chefredakteur beim Deutschen Sparkassenverlag in Stuttgart sowie Kreativdirektor/Chef der Entwicklung bei der Internetagentur PopNet (Hamburg). Olaf Deininger veröffentlichte Studien, Marktüberblicke und Produktvergleiche zu Business-Software und IT-Lösungen.

Die Zukunfts-Trends in Lokaljournalismus