Ein paar Worte zum Geleit
Früher war alles schlechter
In regelmäßigen Abständen werde ich aus unterschiedlichen Richtungen gefragt, was ich eigentlich von Digitalisierung und Technologieoffenheit bei Medienunternehmen halte. Tatsächlich haben sich meine Antworten im Laufe der Jahre verändert, analog zu den Akzeptanzveränderungen in den jeweiligen Kreativbranchen. Selbst bei (so meine persönliche Einschätzung) der dritten digitalen Revolution, die uns bevorsteht und die auf den manchmal irreführenden Namen „Künstliche Intelligenz“ hört, ist Pragmatismus den früheren Weltuntergangs- und Kulturängsten gewichen. Jedenfalls größtenteils.
Wer aus dem Bauch der Buchbranche kommt, kann sich noch gut an die Diskussionen um das Aufkommen eines wachsenden E-Book-Markts erinnern. Da wurde manche Diskussion mit der Verve eines Kirchenstreits geführt, was im Nachhinein fast lächerlich erscheint – zum einen sind beide Produktformen größtenteils fest in Verlagshänden, zum anderen spricht daraus auch eine gewisse Arroganz, wenn man Produktrezeption partout nicht Leser:innen überlassen will. Tatsächlich hat man es hierzulande auch geschafft, das angeblich Schlimmste zu verhindern, mittels hoher Digitalproduktpreise, starker Buchhandelsdichte und am Ende auch durch mangelnde Akzeptanz bei den Kund:innen (was die Folge der beiden vorangegangenen Ursachen ist). Die Erkenntnis, dass nicht die Produktform, sondern schlicht Medienzeit und -aufmerksamkeit das eigentliche Problem sind, an dem andere Anbieter etwa im Streaming knabbern, hat dann doch noch einige Jahre gedauert.
Und ich erinnere an den gern mal visionären Hubert Burda und seine „lousy pennies“, die man im Internet verdienen würde. Das war übrigens 2009 auf dem Digital-Kongress DLD in München und wurde ihm als Ablehnung des Webs ausgelegt. Tatsächlich ging es ihm darum, dass allein mit dem digitalen Anzeigengeschäft journalistische Formate nicht überleben könnten und man sich gefälligst andere Erlösquellen suchen solle. Was wurde damals vehement gestritten, Verlag nach Verlag aber stellte seine Inhalte kostenlos ins Netz, was eine Dekade später zu der Erkenntnis führte: Burda hatte recht – und den Geist der „Kostenlos-Mentalität“ für journalistischen Content wurde man auch nicht mehr los. Dumm gelaufen also. Dass jetzt alle das Mantra von „Subscription“ beten, macht die Sache auch nicht besser, aber das ist eine andere Geschichte.
Streitbare Zeiten, Weltuntergang oder zumindest Untergang der abendländischen Kultur – Reflexe, die Lobbyverbände heute noch gerne an den Tag legen, aber das liegt in der DNA solcher Verbände. Fakt ist, dass diese lautstarken Argumente Technologieängste und -ablehnung hoffähig machten.
Interessanterweise ist von dieser Ablehnungsvehemenz im Kontext des neuesten „next big thing“, Künstlicher Intelligenz, nicht mehr viel zu spüren. Das kann man bei der nüchternen Einschätzung der Möglichkeit von KI durch Hörbuchexpert:innen in diesem Magazin spüren, aber auch in Gesprächen mit vielen Kolleg:innen. Vielleicht sollten wir Medienmenschen einfach offener, pragmatischer und weniger passiv-agressiv mit solchen Entwicklungen umgehen? Es wäre jedenfalls zu wünschen.
PS: Dem Fragenkomplex „Wie ist der Status quo, wie sehen zentrale Herausforderungen, Einsatzfelder und Potenziale von Künstlicher Intelligenz in publizierenden Organisationen aus?“ gehen wir übrigens in einer großen Branchenumfrage nach – wir freuen aus auf Ihre Meinung dazu: https://dpr.direct/KI
Steffen Meier
DIGITAL PUBLISHING REPORT