#10 / 2018
13/17

projekt DEAL, open access, crowdfunding

alternativen zum gang der diskussion

Die Akteure im wissenschaftlichen Publizieren liefern sich gerade um Projekt DEAL mit großem Getöse einen Schlagabtausch, der einen wesentlichen Wendepunkt in einer jahrzehntealten Diskussion markiert. Konnten sich bisher die Wissenschaftsverlage sicher sein, dass ihre Kunden nicht in der Lage sind, ihre Interessen hinreichend zu bündeln, um der Preisentwicklung bei Zeitschriften und Büchern eine glaubwürdige Verhandlungsposition entgegenzusetzen, sehen sie sich nun mit einer mächtigen Gruppe von derzeit knapp 200 Universitäten konfrontiert. So viel Einigkeit herrschte noch nie, und sie wird auch wohl nicht ewig halten. Die Verhandlungen ziehen sich seit 2014 hin,der Börsenverein des deutschen Buchhandels klagt wie stets gegen jede Art von Veränderung – und die Literaturversorgung der Forschenden in Deutschland ist lediglich durch Elseviers Gnade und Eigeninteresse und die Existenz von Sci-Hub gesichert.


"DEAL"

Im Rahmen des Projekts „DEAL“ will eine Allianz aus mehreren Hundert Hochschulen und Wissenschaftsorganisationen bundesweite Lizenzverträge für das komplette Portfolio elektronischer Zeitschriften großer Wissenschaftsverlage – besonders von Springer Nature, Elsevier und Wiley – abschließen. Auftraggeber für das Vorhaben ist die Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen, vertreten durch die Hochschulrektorenkonferenz. Auf dem „DEAL“-Wege sollen die Preise gedrückt und die Etats der Bibliotheken entlastet werden, mit dem Ziel, „den Zugang zu wissenschaftlicher Literatur für die Wissenschaft auf breiter und nachhaltiger Ebene zu verbessern“. Hinzu kommt, dass die Allianz auch bei den Inhalten ein stärkeres Mitspracherecht beansprucht. Zugleich soll eine Open-Access-Komponente implementiert werden,alle Publikationen von Autoren aus deutschen Einrichtungen sollen automatisch Open Access geschaltet werden.


Für die Vergangenheit zumindest gilt: Weder das aus dieser Not geborene Open Access (OA) noch die Formierung von Konsortien haben den jährlichen Preissteigerungen Einhalt geboten und der Konsolidierung des Verlagsmarktes im wissenschaftlichen Bereich ein Ende bereitet. Im Gegenteil: Die Deals wurden immer „bigger“, zum Zugriff auf digitale Zeitschriften gesellten sich die E-Books. All dies auf Verlagsseite mit dem Ziel, das Gesamttransaktionsvolumen möglichst zu erhöhen, auch wenn dafür die einzelnen Bestandteile der Riesenpakete massiv rabattiert werden müssen. Denn in Mehrjahresverträgen gebundene Gelder können Einrichtungen weder kurzfristig einfrieren noch bei Wettbewerbern ausgeben. Die Kunden, zumeist Bibliotheken und Großunternehmen, hingen rasch an der Nadel des big DEALs und dankten die Entwicklung, die sie natürlich nicht wollten,mit immer größeren Beträgen, die sie den großen Verlagen überwiesen.

Kehrseite der Medaille: Ausgewählt wird in den Einrichtungen immer seltener – einfach, weil sich das wirtschaftlich nicht lohnt. „All you can eat“ im Wissenschaftsgeschäft hat ähnliche Folgen wie der regelmäßige Besuch eines McDonald’s-Filiale: Das Profil geht verloren und rasch angefressenes Fett lässt sich nur schwer (und kostspielig) wieder abtrainieren.

Nun, im Rahmen von Projekt DEAL, strebt die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) den größten anzunehmenden Deal an. Neben Zeitschriften – übrigens erstmals für alle wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland – soll eine Kombination von Abo- und OA-Geschäft konstruiert werden.

Die Verlage können diese verlockenden Angebote als eine Folge der Digitalität machen, weil ihre Geschäfte wie kaum ein anderes in der Verlagsbranche der Null-Grenzkosten-Gesellschaft von Jeremy Rifkin nahekommen. Seine These: In einer digitalen Welt sinken die Grenzkosten nach der ersten Kopie dramatisch. Wenn dann noch die weitgehend kostenlose „Zulieferung“ von Zeitschrifteninhalten durch Wissenschaftler hinzukommt, lassen sich hochmargige Geschäfte entwickeln, die die physische Welt nicht kannte. Ein Blick in die Jahresabschlüsse der Großverlage bestätigt: Das ist nicht nur Theorie, sondern seit etwa einer Dekade unternehmerische Realität.

Was zunächst wie eine sinnvolle Basis für Volumenrabatte gegenüber den Großverlagen Elsevier, Springer Nature und Wiley erscheint, entpuppt sich doch bei genauerem Hinschauen als verhängnisvoll. Der Gedanke: Deutsche Wissenschaftler sollen ihre Beiträge in den Zeitschriften der Verlage, die sich Projekt DEAL anschließen, kostenfrei Open Access publizieren dürfen.

Schlecht ist diese Lösung deshalb, weil sie das eigentliche Problem der Kunden – die starke Verhandlungsmacht der Verlage – nicht lösen wird. Im Gegenteil: Sie potenziert die Pfadabhängigkeit – künftig werden nicht nur tausende von Zeitschriften in einem DEAL erfasst, sondern auch noch unterschiedliche Geschäftsmodelle. Und es wäre verwunderlich, wenn die insbesondere im Buchgeschäft starken Anbieter wie Springer Nature nicht auch noch die Mediengattung Wissenschaftsbuch in diese Melange rühren würden. Neben dem Mittagessen wird im Fastfood-Restaurant jetzt auch noch das Frühstück eingenommen.

Wie aber können nun die Unterhändler auf Seiten der HRK den Spieß gleichsam umdrehen und die Effizienzgewinne der Digitalität in sinkende Preise und bessere Angebote umwandeln? Ein sinnvoller Ansatz könnte gerade die Abwendung vom Mehr und Größer hin zu einer Zerlegung des Big Deals in sinnvolle Komponenten sein. Aufmerksame Schüler von Verhandlungsseminaren wissen, dass eine Senkung der Komplexität in verfahrenen Situationen meist Wunder wirkt, nicht die Steigerung derselben. Zudem: Während beispielsweise Elsevier die Kollateralschäden einer Open-Access-Vereinbarung mit einer forschungsintensiven Nation wie Deutschland auf seine Big Deals weltweit im Auge haben muss, interessieren die HRK-Vertreter diese Effekte naturgemäß weniger. Sie wünschen sich den zusätzlichen Wert von Open Access, von dem gern die Welt profitieren kann,ohne jedoch die Kosten der Verlage dafür übernehmen zu wollen.

Wie kann also eine Situation geschaffen werden, die die Interessen aller Beteiligter stärker in Übereinstimmung bringt und so ein positives Verhandlungsergebnis ermöglicht? Konkret sollte die neu gewonnene Koordinationsfähigkeit der Bibliotheken in Deutschland – neben Projekt DEAL wäre hier auch der Nationale Open Access Kontaktpunkt (NOAK) als positives Beispiel zu erwähnen – genutzt werden, um in einzelnen Kategorien oder für einzelne Produkte gemeinsame Budgets aufzustellen und sich so vom Kleinklein zu verabschieden. Warum nicht die Logik des pervertierten Mengenrabatts – „Rabatt gibt es nur, wenn Sie alles nehmen“ – durchbrechen?

Und auch andere Alternativen scheinen sinnvoll: So stehen mit Angeboten wie SCOAP3, Open Library of Humanities, UCLPress, Knowledge Unlatched oder auch Luminos gerade auf dem neuen Gebiet des Open Access Modelle zur Verfügung, die über Ländergrenzen hinweg Gelder einsammeln, um Titel aus den Bezahlmodellen der Verlage in OA zu überführen. Sie sollten im Interesse der Bibliotheken Unterstützung erfahren, um dem Dilemma wachsender Big Deals und ihrem zunehmenden Schrecken endlich Grenzen zu setzen.

Die Konsequenzen sind allerdings, wie übrigens auch für Projekt DEAL, dass die Interessen der an diesen globalen, sehr spezifischen Konsortien teilnehmenden Einrichtungen ausreichend in Einklang miteinander stehen, und hier werden wissenschaftliche Einrichtungen mindestens dieselbe Energie aufwenden müssen wie bei der Verhandlung mit Verlagen. 



Sven Fund

Studium der Politikwissenschaft, Geschichte und Publizistik in Münster, Berlin und St. Louis. 1996 Master of Arts der Washington University in St. Louis. 2000 Promotion in Politikwissenschaften. 2000 – 2003 Senior Consultant Corporate Development bei der Bertelsmann AG. 2003 – 2004 Leiter Point of Sale-Aktivitäten, Der Club Bertelsmann. 2004 – 2008 Alleingeschäftsführer der Birkhäuser Verlag AG, Basel. 2006–2008 Alleingeschäftsführer von SpringerWienNewYork in Wien. 2007–2008 Mitglied des Konzernvorstands bei Springer Science+Business Media. 2008–2014 Geschäftsführer des Verlags Walter de Gruyter. Seit Dezember 2015 Berater, Unternehmer und Investor mit dem Unternehmen fullstopp.


Disclaimer: Sven Fund ist Managing Director der globalen Open Access-Initiative Knowledge Unlatched