#1/ 2021
6/11

Lokal(er) denken, mutiger handeln

Lokaljournalismus ist wichtig für jede demokratische Gesellschaft – so wichtig, dass man ihn nicht allein den Zeitungsverlagen überlassen sollte. Eine Bestandsaufnahme

Den Tageszeitungen geht es immer schlechter. Und die Qualität des politisch-gesellschaftlichen Diskurses sinkt dramatisch. Zwei Befunde, auf die sich die Meisten im Lande einigen können. Schwieriger ist es schon, beide Entwicklungen auf ihre Ursachen hin zu untersuchen. Irgendwie hat beides mit dem Internet zu tun – wie genau, darüber aber lässt sich streiten.

Vollends kompliziert wird es, wenn man versucht, den Zusammenhang zwischen beiden Phänomenen zu untersuchen – weder Henne noch Ei sind hier eindeutig zu identifizieren. Bei genauerer Betrachtung sieht man eine Vielzahl sich überlappender und durchdringenden Faktoren, Korrelationen und Kausalitäten – von den exponentiell sich dynamisierenden Kommunikationsprozessen bis hin zu dem schnell sich vergrößernden Digital Gap zwischen verschiedenen Gruppen der Bevölkerung.


Einig sind sich die zumindest Wohlmeinenden im Lande, dass den lokalen und regionalen Medien in einer demokratischen Gesellschaft eine zentrale Rolle zukommt: Sie sind für die individuelle und öffentliche Meinungs- und Willensbildung vor Ort unverzichtbar, besitzen eine enge Bindung zu ihren Nutzern und schaffen Räume für Identifikation, Dialog, Toleranz und Nähe.

Doch mit den gedruckten Ausgaben der Lokal- und Regionalzeitungen geht es kontinuierlich bergab, die Grenze der Wirtschaftlichkeit ist bei vielen Zeitungen in Sicht – trotz aller oft brutalen Sparmaßnahmen. Und die digitalen Aktivitäten bringen weder beim Paid Content noch bei der Werbung die Einnahmen, die die sinkenden Einnahmen im Print kompensieren.  

Eine Studie des BDZV – Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger e.V. – prognostiziert, dass 2025 in etwa 40 Prozent der Gemeinden in Deutschland eine adäquate mediale Versorgung durch Zeitungsverlage nicht mehr garantiert werden kann (siehe Abbildung 1). Informationswüsten drohen; in den USA ist zu beobachten, dass in den dortigen ‚News Deserts‘ Populismus und Extremismus kräftig zulegen (siehe Abbildung 2)


Wie nun reagieren die Verlage auf die dramatische Situation? Es muss konstatiert werden, dass die meisten Zeitungshäuser noch nicht wirklich verstanden haben, wie sehr die Interaktivität des Internets die (traditionelle) Rolle der klassischen Medien in der gesellschaftlichen Kommunikation in Frage stellt. Die Aufgabe lautet also, die Rolle des Lokal- und Regionaljournalismus neu zu definieren.

Leider fehlt den meisten klassischen Medienorganisationen – und hier ganz besonders den Zeitungsverlagen – offensichtlich die Fähigkeit (oder die Bereitschaft?) zu radikalen Innovationen bei paralleler Absicherung des laufenden Geschäfts; im Zweifelsfall werden Innovationen zugunsten herkömmlicher Aktivitäten gar nicht erst versucht oder aber früh abgebrochen. 

Diese Diagnose sollte nicht mit moralisierenden Schuldzuweisungen verbunden werden – die Ursachen sind historisch (Eigentümerstrukturen, Medienkonzentration) und systemisch (Medienwandel, Globalisierung) bedingt. Doch was kann man tun? 

Abstrakt gesagt: Die Zeitungshäuser müssen lernen, sich den Herausforderungen der Digitalisierung radikaler als bisher zu stellen – also mehr tun, als Pay-Wall-Konzepte zu optimieren und Tik-Tok-Auftritte zu konzipieren. Aufgabe der Häuser ist es, das zu entwickeln, was die Organisationstheorie ‚organisationale Ambidextrie‘ nennt: die Fähigkeit der Integration von ‚Exploitation‘ (Ausnutzung von Bestehendem) und ‚Exploration‘ (Erkundung von Neuem). 

Aus meiner Sicht – erfahrungsgesättigt, aber auch empirisch zu untermauern – fehlt es auf der Seite der ‚Exploitation‘ vor allem und immer noch an der Bereitschaft, Nutzerbedürfnisse nicht weiter nur statisch (Status quo), sondern dynamisch (und damit experimentell) zu betrachten. Auf der Seite der ‚Exploration‘ fehlt es an der (Risiko-)Bereitschaft, die Organisation (Verlagsfunktionen wie Redaktion) und ihre Ziele (inhaltliche wie ökonomische) neu zu denken und neu zu strukturieren.

Ein spezifischer Effekt der Digitalisierung und der Interaktivität wird in diesem Zusammenhang von den Medienhäusern sträflich vernachlässigt: Durch den direkten und umfassenden Austausch lokalräumlicher Erfahrungen und Informationen ermöglichen digitale Informations- und Kommunikationstechnologien neue Formen der intelligenten Vernetzung und Kooperation sowohl institutioneller wie auch zivilgesellschaftlicher Aktivitäten.

Die Suche nach den Lösungspfaden kann allerdings nicht nur die Aufgabe der traditionellen Player der Medienbranche sein. Gelingende gesellschaftliche Kommunikation muss das Ziel aller Akteure unseres demokratischen Gemeinwesens sein.Daher schlagen wir eine Allianz relevanter Akteure aus Medien, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft vor; diese Allianz soll Ideen entwickeln und Aktivitäten anstoßen, die helfen, die Qualität und Vielfalt der lokalen und regionalen Medien zu sichern. 

 

 

Zum Autor

Michael Geffken ist erfahrener Journalist und Chefredakteur, langjähriger Direktor und Geschäftsführer der Leipzig School of Media, Gründer von w+v Online und als freier Autor US-Berichterstatter unter anderem für die Süddeutsche und die WirtschaftsWoche. Seit kurzem ist er Mitglied im Thinktank des DIGITAL PUBLISHING REPORT. 

 


Zur Initiative „Lokalmedien 2025“