#1/ 2021
8/11

„Die Digitalisierung unserer Reiseführer ist für mich zu einem Herzblutprojekt geworden“

Wie man mit intelligentem Einsatz von Technologie und Zugang zur Community im Reiseführerbereich punkten kann

Reiseführer haben gerade in Pandemie-Zeiten notgedrungen schlechte Karten. Aber ähnlich wie im Schulbuchbereich zeigten sich hier eher systemische Probleme, nur eben deutlicher. Im Kern: das Festhalten an tradierten Produkten und Geschäftsmodellen. Der Michael Müller Verlag aus Erlangen ging hier schon früh neue Wege, was nicht zuletzt an der technologischen Ausrichtung und Offenheit des Verlegers lag. Hier ein Gespräch mit ihm zu Apps, Lockdown und Reise-Communities.

Coronabedingt scheinen Reisebuchverlage die großen Verlierer zu sein. Wie haben Sie die Zeit er- und durchlebt?

Schon im Februar, als Corona nach Deutschland kam, deutete es sich für uns an, dass es ein hartes Jahr wird. Als im März der Lockdown angeordnet wurde, haben wir zunächst mal alle Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt und Druckaufträge zurückgestellt, die einzelnen Teams haben sich jedoch weiterhin ausgetauscht und viel Zeit für Weiterbildungen genutzt. Homeoffice gibt es bei uns im Verlag schon seit vielen Jahren, daher bedeutete dieses Thema für uns keine große Umstellung.

Was uns in der Zeit des Lockdowns sehr geholfen hat, war der direkte Kontakt zu unserer Reise-Community. Viele unserer Kunden haben Reiseführer und Wanderführer in unserem Online-Shop gekauft und vorrangig dafür genutzt, um sich für zukünftige Reisen inspirieren zu lassen.

Welche Rolle spielt dabei für Sie das Thema digitale Transformation, wie definieren Sie das für sich?

Die Digitalisierung unserer Reiseführer ist für mich vor über 10 Jahren zu einem Herzblutprojekt geworden, in das viel Zeit und Energie fließt. Vor Kurzem kam unsere neue mmtravel App-Generation in die Stores, welche – neudeutsch ausgesprochen –  durch eine intuitive User-Experience glänzt und neben Städtezielen auch Wanderführer enthält. Im Frühjahr 2021 sind wir dann so weit, einen kompletten Regionalreiseführer abzubilden. Das bedeutet: Wir können eine Region mit der Vielzahl ihrer Orte abbilden und haben auch den regionalen Wanderteil aus unseren Reiseführern integriert.

Aber die eigentliche App ist nur die halbe Miete. Wir haben im Haus ein eigenes CMS-System entwickelt, welches auf Word und „Custom XML“ basiert. Damit können wir sozusagen auf „Knopfdruck“ eine App und ein PDF für den Auflagendruck generieren. Das Besondere daran: in einem Roundtrip arbeiten Autoren, Lektoren und Layouter immer mit demselben Programm und der Autor bekommt genau die Daten zur Aktualisierung zurück, die veröffentlicht wurden. Gerade arbeiten wir am OpenSource Projekt LibreOffice, welches als CMS-Maschine unser aktuelles System ablösen wird. Wir versprechen uns davon bei der Entwicklung viel weniger Umwege, weil der gesamte Quellcode offen liegt.

Viele Verlage haben sich aus dem App-Markt zurückgezogen, Sie nicht. Warum?

Die App-Entwicklung ist unheimlich aufwendig – und am Ende erwarten viele Nutzer, dass sie eine App zum Nulltarif bekommen. Da ist ehrlicherweise noch einiges an Überzeugungsarbeit zu leisten. Aber wir sind ein Dienstleister und ich denke, mit der eingebauten Verortung, zoombaren Karten und einem schnellen Wechsel vom E-Book zur Karte wird man vor Ort eleganter geführt und alles mit nur mit einer Hand!

Und in Zukunft alles nur noch digital? Wo bleibt der gedruckte Reiseführer?

Wir glauben an die Zukunft der gedruckten Reiseführer – und an die Apps. Damit sich unsere Leser nicht immer beim Bücherkauf entscheiden müssen, bieten wir seit November für bestimmte Titel wieder Buch & App im Bundle an. Vor drei Jahren hatte uns die unterschiedliche Besteuerung (Bücher mit 7, Apps mit 19 Prozent) gezwungen, diese Komplettpakete abzuschaffen. Jetzt ist es wieder möglich – und man kann als Buchkäufer die Vorteile beider Medien nutzen!

Das Gespräch führte Steffen Meier

Über Michael Müller 

Den gebürtigen Franken zog es nach seiner Ausbildung zum Kfz-Mechaniker für einige Jahre nach Neuseeland und Ecuador. Dort begegnete er dem Reisejournalisten Martin Velbinger – die Initialzündung für die berufliche Neuorientierung, die 1979 in die Gründung des eigenen Verlags mündete. Sein erstes Buch schrieb er über Portugal und aus einem Buch wurden 225, darunter City- und Wanderführer samt E-Books und Reise-Apps. Seit 2012 gibt der Verlag die zweitumsatzstärkste Reisebuchreihe (nach Marco Polo) heraus. Ehrliche „Reisebücher von Reisenden für Reisende“ sind es geblieben. Mit seinen mmtravel-Apps® sieht sich Michael Müller als Vorreiter in der digitalen Reiseverlagsbranche.