#1/ 2019
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„ich, eisner!“ –

storytelling mit whatsapp

„Ich, Eisner!“ erzählt seit dem 14. Oktober 2018 die Geschichte der Revolution in Bayern von 1918 – in Echtzeit. Über Messenger wie WhatsApp, Telegram oder Insta berichtet Kurt Eisner, der Anführer der Revolution und erster Bayerischer Ministerpräsident, was vor genau 100 Jahren in München passiert ist. Kurt Eisner erzählt, was geschah heute vor 100 Jahren - und zwar direkt auf dem Handy. Hier ein Gespräch zum Projekt mit Eva Deinert, Innovationsmanagerin undSocial Media Journalistin des Bayerischen Rundfunks und Matthias Leitner, Leiter des Storytelling Lab web:first des BR.

Schon vor drei Jahren hatte die Pforzheimer Zeitung die Idee, zum 70. Jahrestag der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg die Geschichte dieser Zerstörung minutengenau nachzuerzählen – per WhatsApp. Ein nachdenklich, auch teilweise sehr betroffen machendes Stück Geschichte. Jetzt „Ich, Eisner!“ des Bayerischen Rundfunks. Sind digitalbiografische Erzählmethoden, persönlich und unmittelbar per Handy, ideal zur Vermittlung geschichtlicher und journalistischer Stoffe?

Es gab bereits verschiedene Projekte, die Geschichte digital erfahrbar machen wollten, vor allem auch auf Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Twitter. Die meisten dieser Projekte haben stark chronistisch und auf Fakten konzentriert gearbeitet, quasi News-Updates aus der Vergangenheit geschickt. Für uns war der persönliche Zugang über einen Erzähler sehr wichtig. Kurt Eisner höchstpersönlich erzählt seine Geschichte, und der ideale Ort für diese narrative Form ist heutzutage der Messenger. Dort organisieren wir unser Familienleben, dort kommunizieren wir mit unseren Freunden, dort planen wir unseren Urlaub. Uns war klar, dass Kurt Eisner in eben diesen Rahmen vordringen muss, um ganz nah an das Publikum zu kommen. Für den Journalismus und für die Wissensvermittlung ist das ein spannendes Umfeld.

Ist das Medium gezielt ausgewählt worden, um junge Zielgruppen zu erreichen, die ja durch klassische Medien oft nicht mehr erreicht werden?

Wir haben das Medium mit Blick auf seine Verbreitung über alle Altersgruppen hinweg ausgewählt. „Ich, Eisner!“ ist als Projekt auch nicht für eine junge Zielgruppe angelegt, sondern geplant worden für die Zielgruppe von Bayern 2. Die ist um die 40 Jahre alt, berufstätig, hat Kinder und interessiert sich sehr für Kultur und Geschichte, hat aber nur wenig Zeit. Wir erreichen diese Zielgruppe auch sehr gut mit „Ich, Eisner!“. Für sie sind die kurzen, verdichteten Nachrichten ideal. Aber es freut uns sehr, dass wir auch Historiker, Geschichtsstudenten und vor allem sehr viele Schüler damit erreichen, die sich aktuell im Unterricht mit der Zeit der Revolution auseinandersetzen.

Wie ging die Realisierung des Projekts vonstatten? (Beteiligte, Abläufe)

Im Februar 2018 hatten wir die erste grobe Idee: Ein Erzählprojekt via Messenger, das die Zeit der Revolution in Bayern in den Jahren 1918 und 1919 erzählt. Danach haben wir uns in einen Writers Room eingeschlossen und unsere Erzählperspektive gewählt. Es war schnell klar, dass Kurt Eisner der Erzähler sein muss, er ist eine der wichtigsten Figuren der damaligen Zeit und merkwürdigerweise im heutigen Diskurs kaum berücksichtigt. Im Mai 2018 hatten wir das Projekt in der Basis konzipiert. Im Juni 2018 haben wir dann einen Test durchgeführt und dazu 30 Testpersonen eingeladen. Mit unseren Testnutzern haben wir eine Woche lang „Ich, Eisner!“ kompakt simuliert mit dem Medienmix aus Videos, Audios, Texten und Bildern, wie wir ihn jetzt verschicken. Der Test hat ergeben: Das Prinzip funktioniert, nur Kurt Eisner darf gerne noch direkter sprechen, schreiben, sprachlich jetztzeitiger formulieren. Wir haben dann um den Test herum auch angefangen, unsere begleitende Webseite aufzubauen, Glossar und FAQs zu formulieren, das Community Management zu planen und den Chatbot aufzuschlauen. Nach dem erfolgreichen Test haben wir schließlich die Partnerinstitutionen wie das Haus der Bayerischen Geschichte, die Bayerische Staatsbibliothek oder das Münchner Stadtarchiv angesprochen, die bis September dann auch alle grünes Licht für die Kooperation gegeben haben. Und am 14.Oktober 2018 ging es schließlich los.

Gibt es auch Echtzeit-Kommunikation, Debatten, Rückkanäle?

Ja. Die Nutzer können direkt an Kurt Eisner zurückschreiben. Und je nachdem, was sie schreiben oder wissen wollen, schreibt ihnen entweder ein Chatbot zurück oder wir, die Autoren. Inhaltlich sind die Fragen sehr divers: „Bist du verheiratet?“, „Hast du Kinder?“, „Wo hast du gewohnt?“ Das sind Fragen, die vor allem jüngere Nutzer stellen. Andere Fragen gehen tiefer in die Geschichte: „Wie stehst du zu Karl Liebknecht?“, „Wieso bist du nicht in die KPD eingetreten?“ Da wir uns hier in einer 1:1-Kommunikation befinden, finden die Debatten vor allem im Hintergrund mit uns statt. Aber einige Wünsche und Anregungen greifen wir auch auf und bauen sie in das laufende Projekt ein, z. B. genauer die Familiengeschichte zu thematisieren.

In Zeiten digitaler Erregungskultur können solche Diskussionen schnell ausarten respektive sind teilweise gar nicht intendiert. Wie sind Sie denn mit „Trollen“ umgegangen?

Da wir die Geschichte nur aus der Sicht Eisners erzählen, nehmen wir auf unserer begleitenden Webseite eine geschichtliche Einordung vor. Dort haben wir klare FAQs formuliert, aber auch Interviews mit Historikern und weiteren Experten zu bestimmten Themen wie historische Wissensvermittlung oder Antisemitismus geführt, auf die wir auch immer wieder verweisen können. Allerdings gibt es innerhalb unseres Kanals kaum Trolle, denn denen fehlt dort die Öffentlichkeit. Kommunikationen verlaufen ja innerhalb des Messengers immer nur an uns. Wenn jemand also trollen will, schickt er an uns allein seine Nachricht, die wir ihm dann auch direkt beantworten. Was dem Troll fehlt, ist das Futter der Öffentlichkeit, der Resonanzraum für die eigene Erregung. Die Kommunikation und Dialoge bei „Ich, Eisner!“ sind daher auch sehr konzentriert, sympathisch, interessiert und qualitativ hochwertig.

Im Februar mit der Ermordung Kurt Eisners vor 100 Jahren endet die Aktion. Wie nachhaltig kann eine solche Aktion sein?

„Ich, Eisner!“ endet nicht mit der Ermordung am 21. Februar 1919, sondern mit seiner Beerdigung am 26. Februar, also am 26. Februar 2019. Für uns war das Projekt ein Test. Wir wollten wissen: Können wir via Messenger ein komplexes Narrativ über einen langen Zeitraum von vier Monaten erzählen? Die Antwort lautet: Ja, sehr gut sogar. Wir werten das Projekt jetzt aus und werden unsere Erkenntnisse auf andere Messenger-Projekte anwenden. Außerdem werden wir uns im Januar 2019 ein sinnvolles Vorgehen in Bezug auf unsere „Ich, Eisner!“-Abonnentinnen und Abonnenten überlegen, denn wir wollen natürlich nicht einfach den Kanal schließen und den Kontakt zu dieser spannenden und interessierten Gruppe verlieren. 

Was erwartet Nutzer, die sich jetzt noch für das Projekt anmelden? Macht es Sinn, kurz vor dem Ende noch mit Kurt Eisner in Kontakt zu treten?

Uns war klar, dass nicht alle Nutzer am 14. Oktober einsteigen werden, sondern dass sehr viele erst im November zum Höhepunkt der Revolution kommen werden, oder dann ab Januar, wenn große Regierungskrisen, eine verlorene Wahl und Morddrohungen an Kurt Eisner sein Schicksal bereits dunkel vorzeichnen. Wer sich also jetzt anmeldet, wird immer noch die gesamte Atmosphäre unseres Projektes spüren und auch abgeholt werden von unserem Erzähler Kurt Eisner. Wir arbeiten mit Prinzipien des seriellen Erzählens, es gibt also Recaps: Kurt Eisner ordnet ein, und jeder kann jederzeit direkt an Kurt Eisner Fragen stellen. Jetzt beginnt auch die wirklich dramatische Phase, die letzten Wochen im Leben Kurt Eisners, die aus heutiger Perspektive sehr viel über unser Land und die Fragilität der Demokratie erzählen.

Die Antworten gaben Eva Deinert & Matthias Leitner

Eva Deinert ist Innovationsmanagerin und Social Media Journalistin im Referat Digitale Entwicklungen und Social Media des Bayerischen Rundfunks. Sie entwickelt als Social-Media-Beraterin Formate und Strategien für verschiedene Fachredaktionen des BR und verantwortet digitale Pilotprojekte. Zuvor war sie Online- und Social-Media-Redakteurin in der ARD Programmdirektion.


Matthias Leitner leitet für den Bayerischen Rundfunk seit 2015 das Storytelling Lab web:first und arbeitet im Referat Digitale Entwicklungen und Social Media als digitaler Geschichtenerzähler und Innovationsmanager. Für seine journalistische Arbeit hat er diverse Auszeichnungen erhalten, die Kultur- und Kreativwirtschaft des Bundes hat Matthias Leitner 2017 zum Fellow berufen.